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Interview mit Robert Henke über Lumière

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Er ist einer der ursprünglichen Entwickler von Ableton Live, international angesehener Künstler und seit einiger Zeit auch als Dozent für Sound Studies tätig. Robert Henke hat sich schon immer am liebsten in der Schnittmenge aus Kunst und Technologie bewegt. Seine neueste Arbeit ist Lumière – ein ambitioniertes audiovisuelles Spektakel, bei dem Henke eine Laserbank zu den Klängen seines beat-getriebenen elektronischen Scores in perfekter Synchronität dirigiert.

Nach zahlreichen Auftritten in Europa und Japan gehören Lumière definitiv zu den Höhepunkten des bevorstehenden MUTEK-Festivals im kanadischen Montreal. Darüber hinaus wird Robert Henke auch auf einer Podiumsdiskussion mit dem Festivalgründer Alain Mongeau in der Ableton-Lounge zu erleben sein. 

Video-Impressionen zu Robert Henkes Lumière

Die Verknüpfung von Technologie und Kunst zieht sich wie ein roter Faden durch Deine Arbeiten. Außerdem genießt Du eine hohe Reputation als jemand, der Tools mit großer künstlerischer Ausdruckskraft zu entwickeln weiss. Als Du begonnen hast, für das Lumière-Projekt mit Lasern zu arbeiten, kamen da die Erinnerungen an die Zeit zurück, in der Du entdeckt hast, wie Synthesizer funktionieren oder wie man Software programmiert?

Nicht bei Lumière, da es bereits das zweite Projekt ist, bei dem ich mit Lasern arbeite. Das erste Mal befasste ich mich damit für die Installation 'Fragile Territories'. Und damals hatte ich wirklich nur theoretisches Wissen darüber, wie es möglicherweise funktionieren könnte. Am Anfang ging es also nur darum, wie ich meine Vorstellungen und Ideen zu Lasergrafiken in die Praxis übersetzen könnte. Zu meiner großen Überraschung sind letztlich alle ursprünglichen Gedanken Realität geworden.

Wie auch immer, die Unstimmigkeiten, die zu einem späteren Zeitpunkt auftauchten, waren so massiv, dass ich komplett von meiner ersten Idee abrückte. Denn wenn ich eines gelernt habe – und das ist typisch für das Erlernen eines jeden Instruments – dann, dass sich die Schönheit an den Rändern entfaltet. Sie kommt zum Vorschein, wenn man an gewisse Grenzen stößt, wenn Du den Punkt erreichst, an dem das innewohnende Verhalten eines Instruments, eines Mediums oder einer Maschine wirklich anfängt, zum Tragen zu kommen. Solange Du nur Noten spielst, MIDI-Noten zum Beispiel, und sie mit einem beliebigen Instrument wiedergibst, arbeitest Du noch nicht wirklich mit dem Instrument. Du arbeitest lediglich an Deiner Konzeptidee. Erst wenn Du ein Klavier richtig laut oder sehr zart anschlägst, dann spürst Du tatsächlich die Details.

Genau diese Erfahrung habe ich bei der Arbeit mit den Lasern gemacht: Was passiert, wenn ich ihre Lichtintensität so weit herunterfahre, dass sie im nächsten Moment abschalten? Wie verändern sich die Farben, wie verändert sich die Wahrnehmung eines Lichtwechsels, wenn ich mit ihnen im musikalischen Sinn sehr 'ruhig' umgehe? Was geschieht, wenn ich sie richtig aufdrehe? Was, wenn ich sie 96.000 Mal in einer Sekunde an- und ausschalte, sind sie dann noch gestochen scharf? Was passiert, wenn ich etwas richtig schnell mit ihnen zeichne? Bekomme ich dann das zu sehen, was ich eingegeben habe? Und falls nicht, wie sehen die Artefakte aus? Das sind die Momente, von denen an du dich mit deinem eigenen Instrument beschäftigst. Daraus ziehe ich persönlich die größte Befriedigung, weil ich auf spielerische Weise damit umgehe. Ich tue etwas hinein, ich kriege etwas heraus und ich reagiere darauf.

From a rehearsal for Lumière

Momentaufnahme aus einer Probe für Lumière

Du beschreibst Lumière als ein Instrument. Offensichtlich denkst Du dabei an die Einheit von visuellen und auditiven Komponenten, also quasi an ein synästhetisches Instrument. Das heisst, Du spielst und kontrollierst die Musik und die Laser simultan?

Die ursprüngliche Intention war viel weniger einfach. Ich wollte beat-getriebene elektronische Musik und zusätzlich eine von Lasern erschaffene visuelle Komponente haben. Ich wollte in der Lage sein, beides auf improvisatorische Art zu kontrollieren. Dieser Improvisationsaspekt für beide Welten war ganz am Anfang ein elementarer Bestandteil. Die Interaktion zwischen der visuellen und der klanglichen Seite hat sich aber oft verändert.

Zum einen nutze ich die Session View in Live um MIDI-Tracks zu fahren, die die Drums sequenzieren. Dann gibt es noch einen MIDI-Track, der eine Anwendung für Max for Live steuert, die wiederum Kontrolldaten an die Laser-Rechner sendet. Die Kontrolldaten bestehen tatsächlich nur aus analogen Spannungsimpulsen. Sie sind als Treiber für die Laserdioden und die Bewegung der Umlenkspiegel zuständig. Obwohl zweckentfremdet, handelt es sich genau genommen um Audio-Daten. Die führe ich zurück in meinen Audio-Pfad und lege digitalen Noise drüber. Dann läuft es auf eine eigenwillige und interessante Art komplett synchron zu den visuellen Pattern.

One of Robert's Max for Live devices for Lumière

Eine von Roberts Max for Live-Anwendungen für Lumière

Ein Problem, das ich dabei lösen musste, war, dass die Max-Patches, die die Laser kontrollieren, auf zwei separaten Rechnern liefen und der Sound von einem zusätzlichen dritten Laptop kam. Die Kommunikation zwischen den Rechnern basierte auf Ethernet über Max for Live, sie verursachte aber einige Latenzen und Signalschwankungen.

Letztlich bekam ich es mit dem Umschreiben einer simplen Lasercontrol-Software zu einer Anwendung für Max for Live in den Griff: Es existierten jetzt zwei Versionen des Laser-Generators. Einer fungierte tatsächlich als Treiber für die Fernbedienungen der Laser und einer war für die Sounderzeugung zuständig. Beide wurden aber mit den selben Kontrollsignalen gefüttert. Das heißt, ich sendete ein Kommando wie 'Circle', ein paar Beschreibungstags wie 'Size 5', 'Speed 7' und noch einige andere Attribute. Die Rechner für die Laser interpretierten damit die Form und zur selben Zeit generierte mein Audiorechner innerhalb von Max for Live den Sound. Das funktionierte wunderbar. 


Das löst das Problem wirklich auf eine schlanke, elegante Weise.

Aus konzeptioneller Sicht ist es wirklich ziemlich simpel. Praktisch gesehen war es aber das genaue Gegenteil. Die Software ist wirklich umfangreich geworden und die Lasershape-Generatoren, die ich geschrieben habe, sind alles andere als trivial. Das brachte mir auch eine Menge Respekt des Laser-Herstellers ein, da ich mit ihren Produkten ein paar Sachen anstelle, die mit der firmeneigenen Software absolut nicht machbar wären.

Falls Dich die ganze Musikgeschichte irgendwann nicht mehr reizt, könntest Du ja bei diesem Laser-Hersteller anheuern...

Das wäre tatsächlich was für mich. Ich habe mittlerweile eine so enge Bindung zu diesen Maschinen aufgebaut und mehr denn je verstehe ich aus technischer Sicht das große Ganze, inklusive der Hardware. Wir hatten Probleme mit einer Scanner-Einheit (das sind die Teile, die die Laserstrahlen bewegen) und ich habe gelernt, wie man so einen Scanner wechselt; ganz einfach, weil es gemacht werden musste. Und ich dachte mir: Okay, wenn ich schon damit arbeite, dann will ich es auch komplett verstehen. 

Was das angeht, bin ich sicherlich ein Extremfall – ich schreibe meine eigene Software, ich baue meine eigene Hardware und so weiter. Der gegenteilige Weg hat natürlich auch seine Berechtigung, und genauso Vor- und Nachteile. Der sieht dann in der Regel so aus: Jemand ist der kreative Kopf, der voll und ganz auf eine Konzeptidee fokussiert ist. Und dann gibt es die Leute, die nach dieser Idee die Formen zeichnen, die Software programmieren und die Hardware entwerfen. Für mich war das nie der Weg, weil ich es ganz einfach mag, Software zu entwickeln. Es trägt dazu bei, dass ich mich wohl fühle, aber auch die Ergebnisse sind viel enger mit meinem Wissen verknüpft, das ich mir durch das Selbermachen angeeignet habe.

Robert prepares to perform Lumière

Robert bei der Vorbereitung einer Lumière-Aufführung

Beschäftigt es Dich, wie ein Publikum, das wenig bis gar keine Ahnung davon hat, wie die technischen Herausforderungen und Lösungen aussehen, Lumière wahrnimmt?

Der lustige Widerspruch, den ich ständig wahrnehme ist – und vielleicht ist es ja gar kein Widerspruch – dass Nerds oder technisch interessierte Beobachter meine Arbeiten viel verständnisvoller beurteilen als ein unwissendes Publikum. Das liegt wohl daran, dass die Nerds diesen kindlichen Entdeckergeist mit mir teilen, der sie denken lässt: "Oh abgefahren, irrsinnig schnell, diese Strahlen! Wow, er holt weiss aus blau und gelb, das ist schon krass! Welche Treiber-Software er wohl dafür verwendet?"

Wenn Leute aber gar keine Ahnung von der Komplexität haben oder sich noch nicht einmal mit vergleichbarer Kunst oder Musik oder audiovisuellen Dingen auskennen… Je weniger die Leute etwas davon verstehen, desto schneller meinen sie Schwachstellen auszumachen. Das ist zumindest mein Eindruck. Sie sagen dann Sachen wie: "Der letzte Teil war zu lang.". Oder: "Ich verstehe nicht, warum Du mit diesen Formen gekommen bist, wo Du doch noch jene anhattest." Oder: "Irgendwann wurde es einfach zu viel.". Oder: "Ich fand die ruhigen Teile besser, warum hast Du die denn nicht länger gemacht?".

Für mich stellt sich die Frage: Was möchte ich den Leuten zeigen? Welche Sachen will ich herausstellen? Ist es eine Zurschaustellung technischer Perfektion? Ist es eine völlig neuartige Show oder passiert da irgend etwas auf einem komplett anderen Level?
 
Und wie lautet die Antwort?

Eindeutig letzteres, weil ich fest daran glaube, dass… nun, vielleicht hört es sich etwas seltsam an, aber ich bin nicht auf den kurz anhaltenden Effekt des "Neuen" aus. Die Musik oder die Filme oder welche künstlerischen Ausdrucksformen auch immer Sachen hervorbringen, die ich am meisten mag, tragen stets eine gewisse Zeitlosigkeit in sich. Zeitlosigkeit ist das genaue Gegenteil zur Speerspitze technologischer Entwicklung. So sehr ich die technische Seite mag und so großartig es auch ist, mit diesen Lasern zu arbeiten, deren Präzision vor Jahren noch undenkbar war; so enorm ich also von diesem technischen Fortschritt profitiere, so möchte ich doch Arbeiten abliefern, die in 20 Jahren immer noch ihre Daseinsberechtigung haben. Und das speist sich ganz sicher aus anderen Quellen als das Gerede um Megahertz, Millisekunden und andere Parameter. Es muss etwas enthalten sein, das mehr ist als Auflösung.

"Love" from Lumière

"Love" aus Lumière

Und in Lumière steckt etwas, das wie eine Evolution der Formen erscheint: Der erste Teil kommt nur mit abstrakten Formen und Linien aus, dann tauchen irgendwann Zahlen auf und schlussendlich kommt Text. Es sind zwei Worte…

… die Worte "Love" und "Code" und natürlich ist es eine Referenz an all die Artworks, die mit der grafischen Beschaffenheit des Wortes "Love" spielen. Das Wort "Code" kam dann einfach noch dazu und ich mochte es sofort. Trotz der Abstraktheit, trotz des mathematischen Aspekts und der Sinnfälligkeit für Akkuratesse und Technologie, die mich ja letztlich antreibt, ist dieses Wort für mich tief emotional. Liebe ist ein perfektes Symbol für das Ganze. Es bedeutet, gefühlvoll zu sein und etwas nicht aus einer Notwendigkeit heraus tun zu müssen. Und ich liebe es zu coden. Damit einher geht der Wunsch, etwas zu schaffen, das wiederum andere Menschen berührt. So gesehen ist "Love/Code" für mich eine wirklich ausdrucksstarke Kombination.
 
Beide Worte fungieren im Englischen sowohl als Substantiv als auch als Verb.

Stimmt, so habe ich das noch gar nicht gesehen, aber Du hast recht! Echt interessant. Es war für mich vor allem ein Spielen mit den jeweiligen Bedeutungen, aber es steckt auch die Intention dahinter, das Publikum auf eine gewissen Art zu umarmen, denn ich beende das Stück ja mit "Love": Lassen wir den abstrakten Teil hinter uns und erinnern uns daran, warum wir hier sind, nämlich gemeinsam etwas Wundervolles zu erleben.

Und die Sektion von Lumière mit all den Zahlen – das sind die gesamten Freischalt-Codes, die je für Ableton Live generiert wurden, stimmt's?

(Lacht) Nein, aber ich mag die Vorstellung! In diese Richtung habe ich noch nie gedacht. Das wäre natürlich lustig, eine ganze Reihe sensibler Informationen zu übertragen, mit denen nur jemand etwas anfangen kann, der weiss, was dahinter steckt. Es wäre wirklich ein tolles Internet-Meme, wenn eine dieser Zahlenfolgen dein Live für immer freischalten würde. Ein goldenes Ticket für eine lebenslange Live-Lizenz… Aber gut, die Codes sind ja tatsächlich zufällig zusammengewürfelte Zahlen. Und wer weiss, vielleicht funktioniert wirklich eine! 

 

Erfahren Sie mehr über Robert Henke und Lumière

Studieren Sie den Programmplan für die Ableton Lounge auf dem MUTEK.

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