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Ungewohnt klingendes Brasilien

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In Brasilien läuft die Weltmeisterschaft 2014 und rund um den Globus grassiert das Fussballfieber. Anlass genug für uns, einen Blick auf die musikalische Landkarte Brasiliens zu werfen und deren Vergangenheit und Gegenwart zu beleuchten. In einem Land mit einer so großen Fläche und so unterschiedlichen kulturellen Prägungen gibt es natürlich nicht nur eine musikalische Richtung, sondern eine Vielzahl von Strömungen, die die aktuelle Szene beeinflussen und zu einer beeindruckenden Diversität beitragen. In drei aufeinander folgenden Artikeln wollen wir Ihnen innovative brasilianische Musik näher bringen, die uns schon seit Längerem begeistert. Wir blicken in einem Gespräch mit dem renommierten Produzenten-Altmeister Dudu Marote zurück und spannen den Bogen bis zur jüngsten Künstlergeneration, die derzeit aus dem Untergrund in das Licht der Öffentlichkeit drängt.

 

Rufen wir uns zu Beginn noch einmal die verschiedenen Genres ins Gedächtnis. Samba und Bossa Nova dürften bestens bekannt sein (nicht zuletzt dank der Presets aus Drum-Maschinen). In späteren Jahren fanden auch die Sounds des modernen Baile-Funk und der Vintage-Tropicalia ihren Weg auf die Tanzflächen und in die Trendsetter-Playlisten der nördlichen Hemisphäre. Während Sie dies hier lesen, gehen wir davon aus, dass Sie sich a) für elektronische Musik b) für Studio-Techniken c) für stilistische Innovationen oder aber für alles zusammen interessieren. Vor diesem Hintergrund haben wir eine Auswahl unserer liebsten brasilianischen Tracks aus den 60ern, 70ern und 80ern getroffen - alles unter dem Gesichtspunkt, wofür brasilianische Musik im Allgemeinen steht.

 

Starten wollen wir mit Jorge Antunes, einem echten Pionier der elektronischen Musik Brasiliens. Ein Konzert von Karlheinz Stockhausen und Gottfried Michael Koenig im Jahr 1961 beeindruckte den damals 19jährigen so nachhaltig, dass er sich im Haus seiner Eltern ein kleines Studio mit Tonbandgeräten und einem selbst gebauten Sägezahn-Wellengenerator einrichtete. Mitte des selben Jahrzehnts experimentierte er mit Tape und begann, Briefkästen, Plastikbehälter, Drums, Theremin, Tape-Echo und Hall neben Klavier und Sound-Effekten in seine Kompositionen einzubinden.

Sein denkwürdiges Stück  „Auto-Retrato Sobre Paisaje Porteño”  aus dem Jahr 1969 spiegelt perfekt die Musique Concrète Historie Brasiliens wider. Beginnend mit dem Sound des Dschungels, landen wir schnell bei abgehackten Loops aus antiken Klavieraufnahmen. Im weiteren Verlauf schmiegen sich die Pattern an elektronische Rhythmen und irgendwie ist das gleichermaßen eine Reminiszenz an Techno und an Polka. Das alles geschieht allein in den ersten drei Minuten.

Jorge Antunes - Auto-Retrato Sobre Paisaje Porteño (1969)

Ende der 60er Jahre hielten unter Federführung der Beatles erstmals avantgardistische Stilmittel Einzug in die Populärmusik. Die brasilianische Variante dieser Entwicklung war die so genannte Tropicália-Bewegung. Zu den besten Vertretern dieser Zunft zählte auch die aus São Paulo stammende Band Os Mutantes (Die Mutanten). Auf ihren Platten verquirlten sie Rockinstrumentierung, Harmoniegesang und Studioeffekt-Sounds in unkonventionellen Arrangements.

Das folgende Video zeigt Os Mutantes mit dem Stück „Panis et Circenses”. Geschrieben wurde der Titel von Caetano Veloso und Gilberto Gil - zwei entscheidenden Akteuren der Tropicália. Und auch wenn diese Version nicht ganz so psychedelisch wie die Studioaufnahme sein mag, steckt in der Performance das Flair eines echten Sixtees-Klassikers (inklusive ausfransender Gitarrentöne und ausgefranster Weste).

Os Mutantes - Panis et Circenses (1969)

Haben Sie sich schon mal gefragt, woher Kiss die Idee für ihr Outfit hatten? Ein sich hartnäckig haltendes Gerücht besagt, dass es direkt weg von einer ganzseitigen Anzeige in einem Billboard-Magazin für die Band Secos E Molhados kopiert wurde. Diese hatten im Jahr 1973 eine Million Platten ihres Debüts in der Heimat Brasilien verkauft und versuchten anschließend auf dem lukrativen US-Markt Fuß zu fassen. Doch die Hoffnungen erfüllten sich nicht, und obwohl Secos E Molhados in Brasilien Superstars waren und Sänger Ney Matogrosso immer noch sehr erfolgreich ist, blieb die Formation bis heute außerhalb Südamerikas weitgehend unbekannt.

Sehen Sie Secos E Malhados in einem brasilianischen TV-Mitschnitt aus dem Jahr 1973. Die Band mimt sich hier lippensynchron durch ihr wunderbares Stück „Sangue Latino”. Der Clip stellt nicht nur Ney Matogrossos unvergleichliche Stimme zur Schau, sondern auch das Make-Up, von dem sich Gene Simmons und Co unbestreitbar beeinflussen ließen.

Secos & Molhados - Sangue Latino (1973)

Marcos Valle begann seine Karriere Mitte der 60er Jahre als Auftragssongschreiber und Sänger. Nachdem er mit „Samba de Verão" den Bossa Nova Tune schlechthin abgeliefert hatte, brachte er in den frühen 70ern eine Reihe immer abenteuerlicher werdender Alben heraus. Previsão do Tempo von 1973 beispielsweise wartete stellenweise mit Jazz-Fusion-Klängen auf und machte reichlich Gebrauch vom Einsatz eines Fender Rhodes und einer Hammond-Orgel. Auf diesem Album wurde Valle von der Band Azymuth begleitet, deren Keyboarder Jose Roberto Bertrami wohldosiert Minimoog und ARP Soloist in die Arrangements einbrachte. Hören Sie, wie die Synthesizer über der Melodie schweben und aus „Mais do Que Valsa” weit mehr als einen Walzer machen.

Marcos Valle - Mais do Que Valsa - (1973)

Nach einer äußerst fruchtbaren Phase musikalischer Innovationen in den 1960ern und 70ern engte Brasiliens immer repressiver auftretende Militärregierung die kulturelle Vielfalt des Landes zu Beginn der 1980er mehr und mehr ein. Erst mit der Rückkehr zu gesellschaftlichen Normen und Werten im Verlauf der 80er Jahre erholte sich auch die Musikszene wieder. Deren Sound war jetzt jedoch wesentlich nachdrücklicher und wutbesetzt - und die entspannte Melancholie des „Girl From Ipanema” nur noch ein Wehklagen aus der Ferne...

Ob durch das Einbinden von Tonaufnahmen mit Fußball-TV-Ansagen oder einfach nur aufgrund einer anders gepolten rhythmischen Sensibilität - einige der interessantesten brasilianischen Post-Punk- und New-Wave-Acts lösten das Etikett „typisch brasilianisch” ganz bewusst auf. Genießen Sie zwei herausragende Tracks aus der Ära des 1980er São Paulo Undergrounds und beurteilen Sie selbst, ob „Redenção” von Vzyadoq Moe nicht exakt so klingt, als würden Bauhaus auf einem Samba-Umzug spielen.

Akira S & As Garotas Que Erraram - O Futbol (1987)

Vzyadoq Moe - Redenção (1988)

Nachdem der Hip-Hop in den USA seinen endgültigen Durchbruch gefeiert hatte, wurde er schnell zu einem globalen Phänomen - mit zahllosen lokalen und regionalen Spielarten des grundlegenden Konzepts aus Rhythmen und darüber gelegten Reimen. Brasilien stellte hierbei keine Ausnahme dar und Mitte der 80er Jahre verschafften sich Hip-Hop-Crews in allen Großstädten des Landes mit Mixtapes unabwendbar Gehör. 

„Loucura” von Código 13 aus dem Jahr 1988 ist eine der früheren brasilianischen Hip-Hop-Produktionen. Sie stammt von einem gewissen Eduardo „Dudu” Marote, der als Musiker und Produzent zu einer Art omnipräsenter Figur in Brasiliens Musikszene wurde. Freuen Sie sich auf ein ausführliches Interview mit Marote in der kommenden Woche. „Loucura” ist auch deshalb bemerkenswert, weil es die seltene, nicht englischsprachige Spezies des „Hip-House“ verkörpert - eine kurzlebiges und sehr schnelles Sub-Genre des Hip-Hop. Auf YouTube gehen und Código 13 reimen sehen:

Código 13 - Loucura

World Cup Bonus Track:

Unser Votum für die funkyeste Fussballhymne aller Zeiten geht an Jorge Bens „Ponta de Lança Africano (Umbabarauma)”. Es dreht sich dabei nicht um ein bestimmtes Team oder einen realen Spieler. Der ansteckende Wort-und- Widerwort-Groove widmet sich der Idee des Fußballs als gemeinschaftliche Erfahrung.

Jorge Ben – Ponta de Lança Africano (Umbabarauma)

Loop – Ableton’s summit for music makers. Erfahren Sie mehr...