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Vom Studio in den Club auf den Bildschirm – mit LOPAZZ & Casio Casino

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Weit entfernt von den Versuchungen und Repressalien der Großstadt beherbergt das beschauliche Heidelberg eine überraschend große Zahl von Musikern, die sich konsequent über alle Genregrenzen hinwegsetzen. In der mittelalterlichen Stadt am Schlosshügel leben und arbeiten nach wie vor ehemalige Mitglieder der Krautrock-Legende Guru Guru oder etwa House-Pionier Move D. Dort ansässig sind auch LOPAZZ und Casio Casino – ein Heidelberger Produktionsteam, das sich einer freien Mixtur aus live gespielten Instrumenten und Electronics verschrieben hat. Mit einer gehörigen Portion Abenteuerlust arbeiten sich die beiden genauso gern an aberwitzigen Clubkrachern ab, wie sie mit ihren atmosphärischen Soundtracks Globetrotter-Dokus untermalen. Wir trafen LOPAZZ (Stefan Eichinger) und Casio Casino (Steffen Neuert) in ihrem Studio, um mit ihnen über musikalische Entwicklungen, Bandmaschinen, Software und die Unterschiede zwischen Club- und Filmmusik zu reden. Ausserdem erläutert das Duo seine Produktionstechniken anhand des Tracks “The Drift” und liefert selbigen als kostenloses Live Set zum Herunterladen gleich mit.


 

Kürzlich habt ihr eine neue 12" auf dem 'Get Physical'-Label veröffentlicht. Ihr macht aber auch zusammen seit einer gefühlten Ewigkeit Musik. Könnt Ihr bitte Eure persönlichen und gemeinsamen musikalischen Wurzeln beschreiben?

 

Casio Casino: Dieses Jahr ist unser 20 jähriges Jubiläum. Zunächst spielten wir in verschiedenen Bands zusammen. LOPAZZ an der Gitarre und Gesang, ich Schlagzeug. Das ging von Grunge, über Krautrock zu Indierock. Um 1997 habe ich mir dann meine erste Drummachine gekauft: eine Roland R8. Von da an habe ich mir langsam ein Studio aufgebaut. Lange Zeit habe ich in der Formation „Bergheim 34“ gespielt. Das war eine Mischung aus elektronischer Musik mit akustischen Instrumenten. Mit LOPAZZ produziere ich Filmmusik und elektronische Musik.

LOPAZZ: Ich habe Ende der 1980er Jahre angefangen meine eigene Band aufzunehmen, diese Metal-Produktionen waren allerdings noch sehr rough. Anfang der 1990er Jahre wurde es dann schon konkreter. Ich habe mit meiner Bandmaschine andere Bands aufgenommen und meine ersten Schritte als Musikproduzent gemacht. Wir haben damals sehr viele Musik-Kassetten unter die Leute gebracht, mit zugegeben sehr schräger Musik a la Butthole Surfers oder Ween.
Dank meines von Andreas Baumecker veröffentlichten „I need ya“ Tracks auf Freundinnen / Output und den darauf folgenden Veröffentlichungen auf Labels wie Get Physical Music, Cocoon und Poker Flat bin ich seit 2003 weltweit auf Tour und ich produziere, mische und mastere seit vielen Jahren auch für andere Künstler wie DJ T., Gerd Janson u.v.m.

 

Wann kam der Punkt, an dem Ihr Euch für’s Musikmachen mit Software entschieden habt? Und wie setzt Ihr Software und Hardware heute ein?

Casio Casino: Eine ganze Weile lang arbeiteten wir noch mit Bandmaschinen. Dann hatten wir Harddiscrecorder. Mit denen hat man dann auch schon mal Sachen geloopt und kleine Midistudios zusammengestellt. Stabil laufende Musik-Computer mit Audio kamen dann Anfang 2000. Cubase und Logic waren die ersten Softwares, die wir benutzten. Wegen der besseren Möglichkeiten was Timestretching und Audiomanipulation angeht haben wir aber auch bald schon Ableton Live benutzt. Ich glaube ich bin User seit Version 1.5.
Eine Zeit lang wurde ich erschlagen von den neuen Möglichkeiten, die man mit dem Computer hatte. Alles musste ausprobiert werden: neue Plug-Ins, Software Instruments usw. Die Software hat die Musik teilweise ein bisschen in den Hintergrund gedrängt. Viele Punkte wurden mit der Maus gesetzt, bis man eingesehen hat, dass zehn Finger besser zum Musikmachen geeignet sind als einer.
Heute ist das wieder viel entspannter. Wir spielen so gut wie alles von Hand ein. Auch muss man nicht jede Funktion der Software bis ins Detail kennen, solange am Ende das Richtige dabei raus kommt. Die Kreativität steht im Vordergrund. Ideen lassen sich binnen kürzester Zeit in einen fertigen Track umsezten. Das ist meiner Meinung nach ein vorher nie da gewesener Luxus, den ich nicht missen wollte.

LOPAZZ: Ich war nie ein Fan von Software und Computern. Ich konnte mich erst spät dazu durchringen, Software zu verwenden und verwende Ableton Live erst seitdem ich mit der Sound-Engine leben konnte (also seit Version 6). Ich habe ein Studio mit vielen Instrumenten und Outboard-Equipment, verwende Ableton Live aber inzwischen im Studio wie auch auf meinen Tournee-Reisen sehr gerne als Kompositions-Software und natürlich bei meinen Gigs als Live-Sequenzer. Ableton überzeugt mich durch die Aufgeräumtheit und Vielseitigkeit im Umgang mit Audio-Material, denn meistens arbeite ich mit aufgenommenen Instrumenten wie Hardware-Drummachines und Synthesizern, Vocals und Gitarren.


 

Wie seid Ihr eigentlich zur Filmmusik gekommen? Und was für Filme sind das, die Ihr vertont?

1999 fingen wir an für Along Mekong Productions hier in Heidelberg zu arbeiten. Sie gaben uns damals die Chance für zwei ihrer „Schätze der Welt“-Filme die Musik zu komponieren. Sie fanden es gut, nichts aus der Konserve nehmen zu müssen, Einfluss nehmen zu können und die Musik custom-made direkt an den Bildschnitt angepasst zu bekommen. So arbeiten wir jetzt schon bald 14 Jahre zusammen.

Zur Zeit arbeiten wir an einer Serie von Filmen über die neue Wanderlust in Europa, einer weiteren Serie über Alkoholsorten wie Whisky und Absinth und einen Film über die Anfänge der House und Techno-Szene in Deutschland nach der Wende. LOPAZZ macht auch Sounddesign für Filme und Labels wie den kürzlich auf der Berlinale gelaufenen „Kalifornia“ von Laura Mahlberg.

 

Filmmusik als auch Dancemusik sind ja sehr zweckgebunden und daher verschiedenen technischen wie stilistischen Einschränkungen unterworfen. Mögt Ihr die Herausforderung, Musik für eine ganz konkrete Zielsetzung zu schreiben?

Da muss man erstmal Filmmusik und Clubmusik unterscheiden. Filmmusik macht man für einen Regisseur, eine Redaktion, einen Film. Wenn wir für einen Film anfangen zu komponieren treffen wir zu allererst den Regisseur, den Autor des Films, um mit Ihm seine Idee und Vision zu besprechen. Wir holen uns den nötigen Input, ohne den es fast unmöglich ist den Nagel auf den Kopf zu treffen. Wir haben viel Musik für Dokumentarfilme über arabische, asiatische und afrikanische Länder gemacht und da muss man vorbereitet sein.

Clubmusik macht man zwar für den DJ und die Menschen auf der Tanzfläche, man kann dabei aber völlig frei entscheiden was man komponiert und produziert. Natürlich folgt man auch hier einigen Regeln, aber grundsätzlich gibt es keine Grenzen. Da wir meistens in unseren Studios mit Hardware arbeiten verwenden wir Live als Loop-basierten Sampler in den wir unsere Musik aufnehmen und bearbeiten. Dabei bleiben wir so lange wie möglich im Clip-Fenster und arrangieren auch dort grob unsere Tracks bevor wie dann ganz am Schluss erst in die Timeline wechseln.

 

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LOPAZZ & Casio Casino stellen zur Veranschaulichung ihrer Produktionsweise ein Live Set des Tracks "The Drift" als kostenlosen Download zur Verfügung. "The Drift" vermittelt spürbar die Affinität des Duos zu Clubmusic auf der einen und Filmmusik auf der anderen Seite. 

Hier können Sie LOPAZZ & Casio Casino - "The Drift" runterladen.

Disclaimer: LOPAZZ & Casio Casino – “The Drift” ist geschütztes Eigentum von LOPAZZ und Casio Casino. Zu Ihrer Kenntnis: In Live 9 Suite können Sie das Live Set regulär verwenden. Wenn Sie Live 9 Intro oder Live 9 Standard nutzen, öffnet sich das Live Set im Demo-Modus – Speichern und Exportieren ist nicht möglich.

 

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Obwohl Ihr in diesem Track nicht gerade sparsam mit den unterschiedlichsten Elementen umgegangen seid, wirkt der Mix sehr aufgeräumt und klar. Verfolgt Ihr beim Mixen eine bestimmte Strategie?

LOPAZZ: Zuerst mal mache ich mir bewusst, welchen Frequenzumfang jeder Track oder Sound haben sollte. Basslinien, Kickdrums und so weiter brauchen mehr Fundament als – sagen wir mal – Hi-Hats oder Melodien. Am Anfang bereinige ich die tiefen und hohen Frequenzen mit Cut-Filtern. Das ist definitiv nicht immer leicht. Ich will keinen sterilen Sound, aber es sollten so wenig Resonanzfrequenzen wie möglich auftauchen, die später dem Lautsprechersystem Stress bereiten. Ich finde übrigens nicht, dass dieser Track übermäßig aufgeräumt und klar rüberkommt, aber danke für das Kompliment. Im Vergleich zu anderen Künstlern finde ich unseren Sound immer ein bisschen dreckig und matschig.

 

In fast jedem Track findet sich ein EQ-Plug-In. Gibt es irgendwelche Regeln, die Ihr grundsätzlich befolgt, um problematische Frequenzen zu vermeiden?

LOPAZZ: Das wichtigste Gebot ist: Höre ganz genau hin! Dafür sind eine gute Abhörsituation und unterschiedliche Kopfhörer ungemein hilfreich.

Casio Casino: Eine prima Möglichkeit zum Herausfinden von Störfrequenzen ist, einen Filter mit einem schmalen Frequenzgang aufzublähen und ihn durch das Spektrum zu führen. Mit dem Boost kann man die überbordenden Frequenzen ziemlich gut ausfindig machen.

LOPAZZ: Das funktioniert, klar – aber auch nur, solange man sich in einem ausbalancierten Hörumfeld bewegt. Sobald man es mit Räumen zu tun hat, die solche Frequenzen von Haus aus begünstigen, bekommt man ein Problem. Wenn Du Dir genau ansiehst, wie wir mit Plug-Ins umgehen, wirst Du feststellen, dass wir hauptsächlich mit Cut-Filtern arbeiten und nur ganz wenig EQ verwenden. Ich würde auch nie die Höhen mit Plug-Ins aufblasen. Dafür nutze ich lieber analoges Equipment.

 

Die Streichergruppe ist mit einem Kompressor-Plug-In belegt, das auch mit der elektronischen Kickdrum verkettet ist. Kannst Du erklären, was es damit auf sich hat und wofür Side-Chaining gut ist?

Casio Casino: In diesem Fall meint Side-Chaining, dass auf einem Track ein Kompressor liegt und ein weiterer Track die Pegelhöhe reduziert. Die Streicher werden also immer dann leiser, wenn eine Kickdrum kommt. Dadurch erhält sie mehr Raum im Mix.

LOPAZZ: Die Kick triggert den Kompressor. Somit verleiht der Kick-Groove den Streichern eine zusätzliche rhythmische Komponente. Es ist toll, mit Attack, Release, Threshold und Ratio herum zu experimentieren. Man kann damit zu fantastischen Ergebnissen gelangen.

 

Der Track enthält sowohl elektronische als auch akustische Drums, wobei auffällt, dass letztere ziemlich stark gegated sind. Wollt Ihr damit mehr Klarheit in den vielschichtigen Drumsound bringen?

Casio Casino: Ich würde sagen, das Gate auf den akustischen Drums war hier eher eine stilistische Frage als eine technische Maßnahme zur Bereinigung des Mixes.

LOPAZZ: Ja, wir befolgen keine eisernen Regeln. Es kommt immer auf die Komposition an, auf die Aussage des Tracks, der Layer, der Sounds. Ich denke, das aufgenommene Ride-Becken ist in diesem Fall einfach eine perfekte Ergänzung zu den elektronischen Drums.