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Simonne Jones auf der Red Bull Music Academy

Symposium, Festival und Workshop in einem – Die Red Bull Music Academy gehört zweifelsohne zu den Highlights im jährlichen Kalender der elektronischen Musik. Diesmal gastierte die RBMA in New York und wie immer kam es zum Stelldichein vieler Grössen der Musikszene (darunter "lebende Legenden" wie Brian Eno und Giorgio Moroder), die Ihr Wissen an die junge Generation aufstrebender Musiker, Produzenten und DJs weiterreichen. Vier Wochen lang hatten die Teilnehmer tagsüber Gelegenheit, ihre Ideen gemeinsam im Studio zu verwirklichen. Mit abendlichen Konzerten und Aufführungen fanden die Anwesenden neben jeder Menge Spass viele neue Inspirationen.

Eine Teilnehmerin, die uns (schon vor der Red Bull Music Academy) besonders beeindruckt hat, ist Simonne Jones. Ihre Arbeiten und Ideen bilden einen faszinierenden Hort, in dem Kunst, Musik und Wissenschaft interagieren. Verblüffend ist vor allem, über welch enormes und vielschichtiges Wissen die aus L.A. stammende Wahlberlinerin bereits in so jungen Jahren verfügt. Wir haben uns mit Simonne getroffen, um uns ihre Eindrücke von der Red Bull Music Academy schildern zu lassen und etwas über ihre (vielen) aktuellen Projekte zu erfahren.

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Wenn man als Künstlerin so vielseitig unterwegs ist wie Du, gibt es dann trotzdem so etwas wie ein Leitmotiv oder eine ästhetische Richtlinie, die sich durch all Deine Aktivitäten zieht?

Ich würde sagen, es sind definitiv zwei Sachen: Zum einen Neugierde, ich bin einfach furchtbar neugierig auf so Vieles. Un diese Neugierde führt mich zu immer neuen Geheimnissen. Dinge, die ich entschlüsseln will. Die Mysterien des Universums. Das, denke ich, ist mein Leitmotiv für alles, was ich tue.

 

Was kannst Du uns denn über die MIDI-gesteuerten LED-Gemälde erzählen, die Du in Berlin zeigen wirst?

Es sind insgesamt sechs, jedes 1 x 1 Meter gross. Dafür habe ich Löcher in ziemlich dicke Leinwände geschnitten und sie mit Spiegeln und LEDs präpariert. Zur Steuerung verwende ich einen Arduino und einen Raspberry Pi. Beides sind Open-Source-Computer, mit denen man alles Mögliche anstellen kann. Die sind wirklich abgefahren und gar nicht mal teuer. Manche Leute basteln sich daraus zum Beispiel einen 3D-Drucker. Andere kontrollieren darüber das gesamte Licht in ihrem Haus. Solche Sachen halt. Ich wiederum habe Bewegungssensoren von Hausalarmanlagen genommen und sie in die Mitte der Bilder gepackt. Mein Ansatz basiert auf der Gravitationsformel, nach der die Anziehungskraft zwischen zwei Objekten bei geringer werdendem Abstand immer weiter steigt. Wenn sich die Besucher also meinen Bildern nähern, verhalten sie sich quasi wie Planeten und verändern das Gravitationsverhältnis. Das schlägt sich konsequenterweise in einem Farbwechsel des Bildes nieder. Wenn man weiter entfernt von den Bildern steht, sehen Sie aus wie ganz normale Gemälde. Wenn man jedoch auf sie zugeht, fängt alles an zu leuchten und sie werfen Konturen auf einen selbst und in den Raum um einen herum. Ich liebe die Vorstellung, dass Jeder, der in die Ausstellung kommt, ein Planet ist. Jedes Bild erinnert mich irgendwie an einen kosmischen Nebel oder an ein Sternbild, so intensiv ist die Wirkung im ausgeleuchteten Raum durch all die Projektionen. Auch die Electronics binden sich in das Thema Wissenschaft, Musik, Kunst und Geheimnis ein. Mit MIDI-Controllern und Ableton kann ich ganz gezielt bestimmte ihrer Facetten steuern.

 

Siehst Du das eher als reine Klanginstallation oder gibt es auch eine musikalische Komponente?

Ja, die gibt es. Ich werde während der Ausstellung performen – höchstwahrscheinlich Electro auflegen und dazu ein klein wenig singen. Aber es geht schon vorrangig um die Bilder und ich werde bei dieser Aufführung am Abend auch alle sechs einbeziehen.

 

Ein weiteres Projekt, an dem Du beteiligt bist, ist eine Theaterproduktion zu Jedermann. Kannst Du uns Näheres dazu sagen? Und zeichnest Du ganz allein für die Musik zu diesem Stück aus dem 19. Jahrhundert verantwortlich?

Nun, es ist die Überarbeitung eines englischen Mysterienspiels aus dem 15. Jahrhundert und ich glaube der ursprüngliche Autor ist gar nicht bekannt. Es geht darin um Tugenden, um Moral und wurde durch Hugo von Hofmannsthal im frühen 19. Jahrhundert wieder aufgegriffen. Für die musikalische Untermalung brauchten wir Material für ca. zwei Stunden. Ich habe dafür insgesamt 11 oder 12 Songs geschrieben. Zwischen diesen Songs kümmere ich mich um die Atmosphäre, Stimmungen und Sounds. Ausserdem spiele ich den "Tod". Ich komme auf die Bühne und darf den Protagonisten umbringen.

 

Es gibt also noch andere Charaktere.

Ja, aber die verschiedenen Rollen werden von einer Person gespielt. Er spielt den Charakter Jedermann, der für das Menschsein steht, und begegnet auf seinem Weg lauter sinnbildhaften Figuren wie der "Anmut", der "Erkenntnis", der "Stärke", der "Weisheit", den "Guten Taten" und dem "Reichtum". Normalerweise sind es mehrere Schauspieler, aber in unserer Bearbeitung des Stoffes ist es nur einer, der sich mit den Figuren im Zwiegespräch befindet.

 

Und Du bist die einzige weitere Person, die dieser Produktion angehört?

Ja, nur ich und der Schauspieler auf der Bühne. Ich sitze da in meinem kleinen Reich aus Instrumenten. Es besteht aus einem Klavier, einem Harmonium, meinen Synthies und meinen Gitarren. Ich nutze Ableton Live zum Loopen, zum Wechseln zwischen den einzelnen Szenen und zum Triggern diverser Sounds.

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Und wie geht das vonstatten? Du greifst Dir ein Instrument, nimmst einen Loop auf und stellst es wieder beiseite?

Genau. Ich starte das Stück, ich habe ein paar Zeilen auf Deutsch und dann kommen die Drums. Die spiele ich in der Regel auf zwei Arten. Einmal live über MIDI-Pads, die ich am Korpus einer einer meiner Gitarren befestigt habe oder über ein Keyboard, mit dem ich die Drums triggere. Das wird dann geloopt und ich kann dazu Gitarre spielen, die wiederum geloopt wird. Anschließend schichte ich auf die gleiche Weise verschiedene Gesänge darüber, bis ich den Song komplett habe. Danach ziehe ich an bestimmten Stellen den Beat oder die Gitarre raus und spiele hier und da mit dem Synthie drüber. Am Ende ist der Song fertig aufgenommen und ich kann rumrennen und mich vollkommen daneben benehmen.

 

Legst Du Dich beim Schreiben der Stücke fest, wie sie auf der Bühne reproduziert werden oder gibt es Raum für Improvisation?

Mit dem Schreiben der Songs habe ich im Vorfeld ungefair einen Monat verbracht. Auf der Bühne funktioniert es so, dass der Schauspieler seinen Text spricht, auf einen Höhepunkt zusteuert und ich danach die Handlung mit einem Song weiterführe. Wenn der Song vorbei ist, übernimmt er wieder das Kommando und so geht es hin und her. Und dann gibt es die Szenen, in denen ich sein Spiel nur mit Sound-Design untermale. Sachen wie Herzschläge oder Höllenlärm aus wüstem Ambient-Sound. Bei diesen Passagen stehe ich mit Ihm zusammen auf der Bühne und muss improvisieren. Wenn ich jedoch die richtigen Songs singe und performe, hat es fast schon was von einer Mischung aus Konzert und Schauspiel, obwohl das nicht wirklich der Fall ist.

 

Stammt die Musik ausschließlich von Dir oder hast Du Inspirationen aus anderen Quellen einfließen lassen?

Nein, es ist komplett meine Musik.

 

Du hast bei der diesjährigen Red Bull Music Academy mitgemacht. War es so, wie Du es Dir vorgestellt hast?

Ich dachte mir lediglich, dass es anstrengend werden würde. Bei der Fülle an Veranstaltungen hatte ich schon im Vorfeld entschieden, nicht Alles und Jeden sehen zu müssen und mich lieber überraschen zu lassen. Und ich glaube, das war genau richtig so. Ansonsten gerätst Du wie in einen Wirbelsturm.

 

Hier wird viel der Geist der Zusammenarbeit beschworen. Warst Du mehr für Dich allein oder gab es tatsächlich Kooperationen?

Es gibt schon Leute, die lieber allein arbeiten, aber ich denke es hält sich die Waage. Am Anfang sind alle etwas reserviert, dann klopfen sie sich gegenseitig ab und gewöhnen sich aneinander. Jetzt zum Ende hin weiß Jeder über Jeden bescheid und man sitzt gemeinsam im Studio – das ist echt toll.

 

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Mit der Arbeit an ihrem Album, einem vollen Tourplan und gefühlt einer Million anderer Projekte, vermuten wir nicht nur, sondern sind uns absolut sicher, dass wir bald viel mehr von der talentierten Frau Jones hören werden. Bis es soweit ist, können Sie Simmones eigenen Artikel zu den interaktiven LED-Gemälden lesen und mehr über die Theaterproduktion zu Jedermann erfahren.