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Nishimoto & Lippok

Takeshi Nishimoto and Robert Lippok

L-R: Takeshi Nishimoto, Robert Lippok

Takeshi Nishimoto studierte bei dem legendären Pepe Romero klassische Gitarre. Einen Namen gemacht hat er sich mit minimalistischen Solo-Kompositionen, Kollaborationen wie I'm Not a Gun  – seinem Projekt mit John Tejada – und diversen Soundtracks. Trotz alledem wirkt Lavandula, sein neues Album, wie ein Neuanfang. Es erschien auf dem neugegründeten Label Sonic Pieces und ist eine Gemeinschaftsarbeit: Bei den Aufnahmesessions zu Lavandula arbeitete Nishimoto mit Robert Lippok zusammen, der als Gründungsmitglied von To Rococo Rot selbst ein Veteran elektroakustischer Musik ist und zuletzt auch als Solokünstler auf dem ehrwürdigen Label Raster-Noton in Erscheinung trat. Lavandula ist das Werk zweier Meister, die ihr Handwerk – und auch das Miteinander – beherrschen. Dabei gehen sie subtilen Veränderungen nach, was das Album als beiderseitig neu entdecktes Territorium erscheinen lässt. Wir trafen uns mit Nishimoto und Lippok, um mehr über die Entstehung von Lavandula, die Improvisation mit akustischen und elektronischen Instrumenten und ihre bald beginnende Japan-Tour zu erfahren.

Seit wann kennt ihr beiden euch? Wie lange macht ihr schon Musik zusammen?

Robert Lippok: Ich arbeite seit langem mit den Berliner Videokünstlern Nina Fischer & Maroan el Sani zusammen und habe schon an einigen ihrer Videoinstallationen mitgewirkt. Als sie mich fragten, ob ich den Soundtrack für ihren Film über den Narita Airport komponieren wollte, hatte ich die Idee, dafür eine Gitarre zu verwenden.

Takeshi Nishimoto: Ich freute mich einfach sehr, als Robert mich anrief und fragte, „Hey, wollen wir dieses Projekt zusammen machen?“ – „Ja klar, auf jeden Fall!“

Robert: Für die Premiere in Berlin habe ich Takeshi und die Harfistin Beatrice Martini, eine Freundin von mir, dazu eingeladen, den Film live zu begleiten. Wir haben auch zwei weitere Filme zusammen vertont.

Wie war der Entstehungsprozess des neuen Albums – habt ihr die Musik zusammen oder jeder für sich aufgenommen?

Robert: Takeshi fragte mich zuerst, ob ich bei zwei oder drei Tracks dabei sein wollte. Wir gingen zusammen ins Studio, begannen zu improvisieren und sammelten eine Menge Material. Alle Tracks klangen wirklich gut, am Ende war ich bei fast jedem Stück dabei. Wir haben simultan zusammengearbeitet und die Tracks auch nicht groß editiert.

Takeshi: Der Großteil aller Tracks ist live aufgenommen – Live-Aufnahmen von Improvisationen.

Robert: Genau. Meine Arbeit mit To Rococo Rot hat mich dabei inspiriert, und meine Arbeit für den italienischen Komponisten Ludovico Einaudi. Ich habe sein Klavierspiel live bearbeitet, deshalb sind die Anforderungen dieser Situationen einfach vertraut. Und mit Ableton Live war es natürlich nicht schwierig, das richtige Setup für unsere Aufnahmen zu finden.

Takeshi: Dies ist einer der Gründe, warum ich wollte, dass Robert auf meinem Album dabei ist. Es gibt so viele Laptop-Musiker und großartige Elektronik-Produzenten auf der Welt. Doch aus meiner Sicht kann niemand Laptops und Ableton anwenden – und Live-Processing machen – wie dieser Mann hier. Ich fragte Robert eigentlich schon vor Jahren, ob er bei diesem Projekt dabei sein will, lange bevor es Formen annahm. Es hat eine Weile gedauert, einen Zeitrahmen für die Platte zu finden. Doch als wir ihn gefunden hatten, war sie in drei Tagen fertig.

Robert: Stimmt – ich arbeite ziemlich langsam. Für meine erste Platte habe ich zehn Jahre gebraucht, also sind meine Zeitspannen recht groß.

Manche Stücke auf deinem Debüt-Soloalbum Redsuperstructure stehen in Verbindung mit To Rococo Rot – seid ihr als Band noch aktiv?

Robert: Na klar – wir waren neulich zusammen im Studio, um ein paar Tracks mit Arto Lindsay aufzunehmen. Wir machen weiter und die nächste Platte wird im Frühjahr 2014 erscheinen.

Ich mag es sehr, wenn Musik keine Eile hat. Wenn du nicht schnell arbeiten musst und es nicht heißt, „Nächste Woche wird gemastert“. Nicht nur in Sachen Musik, sondern auch in Bezug auf das Zwischenmenschliche mag ich es, wenn Dinge langsam entstehen. Deshalb kann es durchaus passieren, dass man zuerst mehr Zeit zusammen in der Bar verbringt als im Studio.

Takeshi, du meintest, dass die Musik komplett improvisiert sei. Hattest du Skizzen für die Stücke, die eine ungefähre Richtung vorgaben?

Takeshi: Für manche Stücke schon. Doch sobald die Aufnahme lief, ging ich in den kreativen Modus und spielte, was ich hören wollte.

Robert, die elektronische Ebene des Albums ist sehr subtil. Hast du Samples und Synthesizer verwendet, oder ausschließlich Effekt-Processing gemacht?

Robert: Im Grunde habe ich ausschließlich Takeshis Gitarrenspiel mit Effekten bearbeitet. Es gibt auch einige Loops seiner Gitarre auf der Platte. Ich denke, dass es so viele fantastische Musik in dieser Richtung gibt – mit Klavier, oder mit Gitarre. Beispielsweise alles von Christian Fennesz, das ist einfach wunderschöne Musik. Oder das letzte Oval-Album. Ich mag diese Art von umfangreichem, komplexem Processing.

Für diese Platte hatte ich allerdings einen anderen Ansatz. Ich dachte eher an ein Effekt-Rack der 90er Jahre: Welche einfachen Effekte könnte ich kombinieren, um eine bestimmte Atmosphäre zu schaffen? Viele dieser Effekte sind Ableton-Effekte – Reverbs, Delays, Distortion. In der Signalkette habe ich vor dem Reverb viel Verzerrung eingesetzt, um den Klang voller und tiefer zu machen. Hier und da gibt es Transpositionen, aber keine davon ist sehr komplex. All diese Effekte hätte man schon 1992 kaufen können.

Takeshi Nishimoto and Robert Lippok

L-R: Takeshi Nishimoto, Robert Lippok

Die Platte ist sehr stimmig und wirkt kein Stück überladen. Takeshi, gab es einen bewussten Wandel in deiner Art zu spielen, um Raum für Roberts Elektronik zu schaffen?

Takeshi: Dazu fällt mir vor allem eines ein: Ich hatte großes Vertrauen in Robert. Deshalb machte ich mir keine großen Gedanken darüber, was er machen würde. Ich hatte viele Gründe, ihn bei dieser Platte dabeizuhaben: als Gaststar und als jemanden, der meinen Sound wirklich verändert. Wegen dieses Vertrauens habe ich nie wirklich darauf geachtet, ob ich ihm Raum lasse oder nicht. Ich habe einfach meine Musik gespielt und zur selben Zeit genau gewusst, dass Robert etwas Tolles damit anstellen würde.

Hast du selbst mit Ableton- oder Hardware-Effekten gearbeitet?

Takeshi: Ja, in manchen Tracks: In „6/8“ habe ich einen Loop verwendet, in „Straßenlaterne“ mein Boomerang-Pedal. Ansonsten sind die Tracks komplett direkt eingespielt und mit Roberts Effekten versehen. Wir haben so gut wie alles in einem einzigen Take gemacht, mit Ausnahme des zweiten Stücks, in dem ich Akustikgitarre spiele. Da habe ich mehrere Versionen ausprobiert.

Robert, hattest du für jedes Stück ein festgelegtes Live-Setup? Oder hast du es beim Spielen modifiziert?

Robert: Mein Ausgangspunkt war ein simples Effekt-Rack, und ab da war es ein bisschen wie mit Lego spielen: In jedem neuen Track habe ich bestimmte Effekte hinzugefügt und andere herausgenommen. Wie gesagt, die Session hatte einen grundlegenden Sound, den ich für jede weitere Session in eine neue Richtung lenkte. Wenn die erste Session beispielsweise nur von Reverb handelte, würde es in der zweiten Session auch um Distortion, Delay und Pitch-Transposition gehen – wie ein Baum, der wächst. Die Sessions hatten ein zentrales Thema und entwickelten sich mit jeder Session in eine neue Richtung. Parallel dazu wuchs auch das Live-Set – ausgehend von diesem ersten Startpunkt.

Takeshi, hast du für jedes Stück ein ähnliches Setup verwendet?

Takeshi: Für die Akustikgitarre haben wir ein Mikro-Setup verwendet. Die E-Gitarre habe ich direkt über den Vorverstärker des Studios eingespielt. Am letzten Tag hatten wir einen Mix. Ich würde schon sagen, dass ich jedes Mal ein anderes Setup hatte.

Ihr präsentiert das Album demnächst in Japan – insgesamt wird es 8 Konzerte geben. Könnt ihr uns etwas über euer Set erzählen?

Takeshi: Beim Proben am Tag vor dem Release-Konzert wurde uns klar, dass es nicht möglich sein würde, die Platte zu 100 % zu reproduzieren. Deshalb kam ich auf die Idee, das Bühnen-Set als Remix des Albums zu verstehen. Bei einem der Stücke schien es einfach unmöglich, den Puls und den Loop im Live-Set zu synchronisieren. Daher haben wir diesen Track wie einen Remix behandelt. Diese Idee setzte sich fort, und so kam sie auch beim Konzert zum Einsatz.

Robert: Die Musik auf die Bühne zu bringen war auch ein improvisatorischer Prozess. Wir improvisierten mit Material, Effekten und Melodien, die wir bereits hatten. Und, wie Takeshi gerade schon gesagt hat: Wir bemerkten, das sich manche der Stücke beim Live-Spielen einfach nicht so anfühlten wie auf Platte – selbst wenn wir einen Weg gefunden hätten, das Material auf der Bühne zu synchronisieren und technisch zu realisieren. Die Stücke brauchten ein anderes Feeling, und deshalb haben wir sie für die Performance umgeformt. Im Grunde sind sie Versionen der Tracks auf der CD.

Kommt der gesamte Live-Sound von Takeshis Gitarre? Oder triggerst du auch Loops?

Robert: Ich setze einen einzigen Loop ein. Aber wir haben auch ein neues Stück im Programm, und an manchen Stellen werden wir ein paar Drum-Sounds (von Tension, glaube ich) verwenden.

Takeshi: Er sampelt meine Sounds auch live und “On-the-fly”.

Das Setup sieht also folgendermaßen aus: Takeshi, du spielst Gitarre und nutzt Fußpedale. Robert spielt mit Ableton Live. Kommen noch weitere Controller oder Instrumente dazu?

Robert: Push natürlich! Das ist eine weitere Sache, die ich an Live mag: Man kann sich immer ein anderes Setup vorstellen, und ich ändere mein Setup ständig. Das macht meine Kollegen manchmal ziemlich kirre. Jedesmal habe ich etwas Neues oder Anderes dabei, und dann heißt es, „Robert, was ist das? Was ist das für ein Teil?“ Diesmal dachte ich, dass es toll wäre, nur Push dabeizuhaben und außerdem vielleicht noch irgendein perkussives Instrument. Ich bin mir noch nicht sicher, was ich nach Japan mitnehmen werde, doch es wird ein wirklich kleines Setup sein. Zur Zeit verwende ich keinen Laptop, sondern einen Mac Mini mit einem winzigen 10-Zoll-Bildschirm, der super unpraktisch ist. Aber es macht Spaß, weil es so merkwürdig aussieht.

Ich werde also den Mac Mini, Live, Push und das direkte Signal von Takeshis Vorverstärker verwenden.

 

Takeshi Nishimoto und Robert Lippok sind von 5. bis 30. November in Japan auf Tour.