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Wir machen Noise: Diasiva & Rory St. John

L-R: Rory St. John, Mads Lindgren, Simon Hayes

L-R: Rory St. John, Mads Lindgren, Simon Hayes

Die Musikgeschichte feiert gerne einzelne Komponisten und Interpreten. Dabei werden wahre Entwicklungen und Fortschritte oft von musikalischen Communities und Kollaborationen erreicht. Im Fall von Mads Lindgren (alias Monolog), Rory St. John und Simon Hayes (alias Swarm Intelligence) manifestierte sich die gemeinschaftliche Idee bei Club-Abenden an freundlichen Orten und dem Festival Burn the Machine, das alljährlich Bass-orientierte und -manipulierende Musik aus Berlin präsentiert.

Mads, Rory und Simon fanden mit unterschiedlichen musikalischen (und geographischen) Hintergründen in Berlin zusammen und waren beim Aufbau einer neuen Szene mit den Koordinaten Subland (Club) und Labels wie Ad Noiseam dabei. Die drei spielten – wie jedes Jahr seit der Festival-Gründung – Anfang November bei Burn the Machine. Neben ihren Aktivitäten als DJs und Produzenten arbeiten Mads, Rory und Simon auch bei Ableton. Wir trafen uns ihnen, um zu erfahren, wie sie ihre Musik vom Studio auf die Bühne bringen, wie sie live zusammenspielen und auf welche Weise sie ihre Sounds entstehen lassen.

 

Wie lange macht ihr drei schon Musik? Unter welchen Künstlernamen?

Rory St. John: In den letzten Jahren habe ich unter verschiedenen Namen Musik herausgebracht, aber den Großteil als Rory St. John. Ein paar Releases auch als UniNerves – ein Projekt, das eher in die Richtung deeper Electro ging und in meine heutige Version von Techno eingeflossen ist. Zur Zeit arbeite ich an einem weiteren Projekt, das puristischen Techno zum Inhalt hat – also Club-Material, „four-to-the-floor“. Unter meinem richtigen Namen veröffentliche ich Musik in jeder Richtung, in die er mich führt.

Simon Hayes: Ich habe ziemlich lange unter dem Namen Swarm Intelligence produziert. Live nutze ich jetzt seit ungefähr zehn Jahren. Ich mache auch mit Mads zusammen Musik, wir nennen uns Diasiva. Rory und ich sind ebenfalls zusammen aktiv. Ich hatte einige Veröffentlichungen auf meinem eigenen Label Statis Records. Meine erste EP erschien auf einem irischen Label – Invisible Agent – die letzte EP auf Acre Recordings, einem schottischen Label. Und ja, vielleicht Ad Noiseam!

Mads Lindgren: Bei mir ging es 1996 los, mit Nu Metal à la Meshuggah – turboschnelle Musik, sehr hart und abstrakt. Dann sind alle in die Hauptstadt von Dänemark umgezogen. In dieser Zeit – 1999 – habe ich mich viel mit meinem FastTracker beschäftigt und ein Jahr später mein Debütalbum auf TInder Productions herausgebracht. Seitdem hatte ich um die 19 Releases auf verschiedenen Labels – digitale Releases oder auf LP und CD, meist aber auf Vinyl. Seit kurzem veröffentliche ich auf Ad Noiseam und bin in der Jazzszene von Berlin unterwegs.

Rory, deine jüngste EP Astroakoustic zeichnet sich durch sorgfältiges Editing aus – sehr exaktes Sound Design, wie es scheint. Wie würdest du den Schritt vom Loop-Prozess zu diesen speziellen Arrangements beschreiben? Oder ergibt sich das Arrangement eher durch den Loop-Prozess?

Rory: In einer gewissen Weise schon, doch in einem bestimmten Spektrum von Möglichkeiten. Deshalb entwickle ich viele Effekt-Racks oder Szenarien für diese Modulationen. Es kann sein, dass die Effekt-Racks oder sogar das simple Loopen von Elementen in verschiedenen Längen den Loop-Eindruck erzeugt. Doch es kann auch wie eine Modulation klingen – wenn die Länge nicht an das Tempo angepasst oder eine andere Taktart eingestellt ist. Dann klingt es so, als ob der Loop sich mit der Zeit ändert – und zwar ziemlich gleichmäßig. Ich wende das oft an, um Stutter-Effekte oder brachiale Verzerrungen zu erzeugen. Dahinter stecken wirklich nur meine kleinen, selbstentwickelten Effekt-Racks, die ich normalerweise verwende. Beim Editing liegen Spuren von verschiedenen Instanzen darunter, die stummgeschaltet sind. Ich lege die dann einfach in einer Linie quer über das Arrangement und greife beim Spielen auf die Sektionen zu. Das geht in Lives Arrangement-Ansicht ganz einfach. Dazu kommen Jamming mit meinem APC40 oder Push mit Effekt-Racks: Das gibt dem Ganzen wieder einen menschlichen Input.

 
L-R: Rory St. John, Mads Lindgren, Simon Hayes

L-R: Rory St. John, Mads Lindgren, Simon Hayes

Mads und Simon, wie sieht euer Workflow aus, wenn ihr als Diasiva zusammen Musik macht?

Mads: Das Material kommt aus vielen verschiedenen Bereichen, und manches davon kann man nicht spontan in die Sessions ziehen. Doch wenn man eine zusätzliche Session-Aufnahme macht, hilft das definitiv beim Skizzieren dieses Materials und leichter Variationen. Die verbindenden Strukturen liefert das Routing. Dazu muss man zur Maus greifen und diese Spur zu jener Spur schicken, dann zurück zu einer weiteren Spur und diese dann per Sidechaining mit einer weiteren Spur verbinden. Grundsätzlich gesagt: Wenn man einen elektronischen Track macht, bildet das Komponieren eines neuen Songs und einer neuen Textur so etwas wie die Basis. Wenn man Sounds gefunden hat, die einen neuen Song markieren, muss man sie in Formen biegen und in Beziehung zueinander setzen: Vielleicht hat man eine Kick-Drum, die nicht zum Basslauf passt, oder Pad-Sounds, die den Hi-Hats im Weg stehen, und so weiter. An diesem Punkt begebe ich mich in das Routing von Ableton. Natürlich schnappe ich mir hier und da auch die einzelnen Takte. Doch es gibt wirklich keine DAW, die so modular ist wie Ableton Live, wenn es um Sidechaining, Gating und dynamische Effekte zwischen den Spuren geht. Ein schräger kleiner Max-for-Live-Effekt inmitten der Signalketten ist immer sehr hilfreich. Wenn man in Live mit der Grundstruktur eines neuen Songs beginnt, ist alles im Browser verfügbar. Meine Solo-Sachen beginnen meist mit einer Mischung aus gejammter Synthese und dem Hören von Field Recordings. Oder mit den seltsamen, inspirierenden Sounds einer kleinen Platine, die ein Freund von mir als Prototyp zusammengelötet hat. Das ist normalerweise der Startpunkt für Diasiva-Tracks.

Simon: Wir gestalten die Sessions unterschiedlich. Manchmal machen wir reine Sound-Design-Sessions, um skurrile Ideen auf den Weg zu bringen. Neulich haben wir externe Geräte mit diesem Zauberkästchen verbunden, das Mads gebaut hat: Ein Verstärker in einer geschlossenen Röhre, eine geschlossene Box mit Mikros drin. Das Teil produzierte merkwürdige Geräusche, die wir aufgenommen und weiterbearbeitet haben. In anderen Sessions befassen wir uns ausschließlich mit dem Editieren und Modifizieren des gesamten Arrangements. Am Ende holen wir alle Elemente in unser Bühnen-Set. Das möchten wir gerne von unserer Arbeit im Studio getrennt halten.

Simon, du wirst bei der diesjährigen Ausgabe von Burn the Machine einen Workshop anbieten?

Simon: Ja, einen Push-Workshop. Letztes Jahr hat Mads einen Workshop zu Field Recordings gemacht, der war ziemlich gut. Ich werde versuchen, meinen Workshop so zu gestalten, dass er verschiedene Leute anspricht – solche, die Push noch nie gesehen haben, und solche, die Push schon besitzen und viel Erfahrung damit gesammelt haben. Aber auch Leute, die sich weniger für Push interessieren, sondern Live in Aktion sehen wollen.

Meine Sessions beginnen immer mit Sound Design oder mit einer Idee, die ich im Kopf habe – in Bezug auf Hardware, Live, oder ein Plug-in – daraus entsteht dann die Song-Struktur. Ich skizziere viele Ideen in der Session-Ansicht. An diesem Punkt kommt dann für mich Push ins Spiel.

 

Simon und Rory – euer DJ-Set neulich im Subland… habt ihr das interaktiv gespielt?

Simon: Ja, mit Live, und deshalb…

Rory: Live und Push, ein paar externe Effekte und ein Mixer mit einigen Kanälen. Wir spielten uns die Bälle zu, hatten eine ungefähre Idee für das Set – und spielten dann vier Stunden lang.

Simon: Fünf Stunden!

Rory: Das Zusammenspielen funktioniert in solchen Fällen sehr gut: Man hat genügend Zeit, die Stimmung des Abends und des Ortes zu erfassen und Ping-Pong-artig in neue Richtungen zu lenken. Wir beide haben schon unterschiedliche Vorstellungen davon, wie die Musik klingen sollte, aber die Ideen widersprechen sich nicht. Da lässt sich immer eine gute Mitte finden.

Simon: Wir machen auch eine Radiosendung zusammen –
Stalker Radio.

Es gibt ein tolles Video vom Diasiva-Set im Subland (siehe oben). Da vibriert sogar die Kamera…

Mads: Das liegt an dem 4500-Watt-Subwoofer [lacht]. Die Diasiva-Liveshow ist mehr oder weniger eine Erweiterung von dem, was wir beide sonst einzeln auf der Bühne machen. Ich nahm mir einige Elemente von meinem improvisierten Jazz vor und teilte sie durch drei: „Da ist ein Bass-Phänomen, das weiter ausgebaut werden sollte, oder andere Sounds, mit denen ich weitermachen kann“. Im Grunde gibt es keinen Plan für das Liveset, keine Setliste oder festgelegten Tracks. Wir spielen mit Lego-Klötzchen und machen sie in der Live-Situation passend. Das macht einen Großteil der Spannung aus. Alles ist hochgradig kombinierbar und technisch flexibel – wir können Bassläufe ändern, Drums ändern, Pad-Sounds ändern, je nachdem, wie es passt. Mein Live-Set ist ziemlich modular, genau wie das von Simon, deshalb haben wir uns für eine klare Aufgabenverteilung entschieden: Weil ich diesmal am Freitag und am Samstag spiele und nicht zweimal dasselbe Set präsentieren will, konzentriere ich mich nur auf die Drums. Simon spielt die Bässe.

Simon: Das werden wunderbar dichte Noise-Sounds sein.

Mads: Ich werde ebenfalls solo spielen, wie immer als Monolog. Letztes Wochenende habe ich auf dem Maschinen Festival in Oberhausen gespielt. Ich finde es wichtig, ein Liveset zu haben, das man in viele verschiedene Richtungen lenken kann: Ich kann es mit 174 BPM oder mit 140 BPM spielen, ich kann Dubstep spielen und alles machen, was ich will, weil die Leute unterschiedlich darauf reagieren werden.


Burn the Machine gibt es jetzt seit drei Jahren. Wie hat sich das Festival aus eurer Perspektive entwickelt?

Mads: Man sollte zuerst darauf hinweisen, dass das Festival noch nie so gute Werbung hatte wie dieses Jahr, besonders dank Ableton. Hoffentlich wird das Festival vielen Leuten den Zusammenhang zeigen: „Dies sind die Artists, dies ist ihre Szene. Hier sind die Clubs, in denen wir spielen, und mit dieser Software machen wir Musik.“ Und die Workshops zeigen dann, wie wir sie verwenden. Ich denke, dass dies in vielerlei Hinsicht eine gute Verbindung ist.

Simon: Man muss sich nur das Ad Noiseam-Label anschauen um gleich zu wissen, wie gut sie die Musik kennen. Und Dean natürlich genauso. Er hat das Subland lange Zeit gepusht, von daher wird die Musik wieder mal großartig sein. So wie jedes Jahr: Eine tolle Atmosphäre und viele nette Leute.

Burn the Machine fand von 31. Oktober bis 2. November 2013 im Subland / Berlin statt.

Erfahren Sie mehr über die drei Künstler:
Monolog (Mads Lindgren)
Swarm Intelligence (Simon Hayes)
Rory St. John
Diasiva (Mads & Simon)