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Kompakt Fokus: Saschienne

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Das Duo Saschienne (Sascha Funke und Julienne Dessagne) ist eine der jüngeren Erfolgsgeschichten des Kompakt-Labels: Zwei entwaffnend freundliche und aufgeschlossene Menschen, die auf der Bühne und im Gespräch mit der Vertrautheit und Entspanntheit eines verheirateten Paares interagieren. Ihr Debütalbum Unknown ist ebenfalls eine entschieden intime Angelegenheit. Der gediegene Flair akustischer Instrumente, der filigrane Gesang von Julienne und Sascha, und die Beats, die sich wie Rauch in die Tracks schleichen – ein Album, das diese Bezeichnung verdient und sich komplett auf eine Zeit und einen Ort konzentriert. Im Rahmen unserer Serie über Künstler aus dem Kompakt-Kosmos trafen wir uns mit Sascha und Julienne, um darüber zu sprechen, wie sie persönlich und professionell zusammenkamen, wie Unknown entstand und worin die größten Herausforderungen lagen, ihre Musik auf die Bühne zu bringen.

 

Lasst uns von vorne anfangen: Wie habt ihr beiden euch kennengelernt?

Sascha Funke: Wir lernten uns vor vier Jahren kennen, als Julienne in einem Club in London arbeitete. Im Mai 2010 zog sie nach Berlin, im Oktober 2010 starteten wir unser musikalisches Projekt. Vom ersten Moment an machten wir nichts anderes. Wir haben uns selbst überrascht –  wie wir zusammenarbeiten konnten, ohne dieselben musikalischen Wurzeln zu haben. Dann kamen wir an den Punkt, an dem wir sagten, „Lass uns nicht nur Musik für uns selbst machen, sondern ein Album produzieren“. An diesen Punkt kamen wir ziemlich schnell.

Julienne Dessagne: Wahrscheinlich ein bisschen zu schnell.

Dein Hintergrund sind eher klassische Instrumente?

Julienne: Ja und nein. Mein Hintergrund ist, dass ich viele verschiedene Arten von Musik mag und nicht sagen kann, „ich stehe auf diesen oder jenen Stil“. Ich höre viele verschiedene Sachen. Natürlich habe ich einen Club-Hintergrund – ich habe früher bei Soma in Glasgow und in London für Fabric gearbeitet. Und ich war von Beginn an ein großer Kompakt-Fan. Ich hatte klassischen Klavierunterricht, was ein bisschen langweilig war, doch dann hörte ich viel zeitgenössische Musik. Philip Glass ist einer meiner Lieblinge und auch ein gemeinsamer Bezugspunkt unserer Musik. Ich unterscheide nicht zwischen Genres: Es ist einfach Musik.

Sascha, du hast viele Techno- und House-Platten veröffentlicht. Hast du ein akustisches Instrument gelernt oder tatsächlich mit elektronischen Instrumenten angefangen?

Sascha: Meine Kindheit in den 80er Jahren war von Popmusik geprägt. Elektronische Musik höre ich seit 1992. Ich habe nie vergessen, dass es andere Musik gibt, aber nichts anderes gelernt außer Synthesizer, Sampler oder anderes Equipment, das man vom Techno kennt.

Wie hast du das Kompakt-Label kennengelernt?

Sascha: Ich war jedesmal da, wenn die Kompakt-DJs in Berlin spielten. Zuerst lernte ich Michael Mayer, Tobias Thomas und Superpitcher kennen. 1999 gab ich dem Label eine Demo-CD, und zum Glück haben sie mehrere Tracks ausgewählt und als meine erste Maxi veröffentlicht.

Inzwischen bist du schon fast 15 Jahre bei Kompakt. Was hat sich zwischen 1999 und 2013 verändert?

Sascha: Die Label-Philosophie ist immer noch dieselbe wie am Anfang. Sie haben nie ihren Ansatz geändert, nach persönlicher Musik mit einem einzigartigen Charakter zu suchen. Dazu kommt, dass viele Mitarbeiter der ersten Stunde immer noch im Kompakt-Büro arbeiten. Das zeigt ihre Kontinuität: Sie teilen dieselben Gedanken und Herausforderungen, was die Musik angeht. Die Musikszene hat sich immer verändert und wird das natürlich auch in Zukunft tun, doch die Räder von Kompakt werden immer ihren eigenen Weg finden.

Julienne, du hast vor Saschienne im Business-Sektor der Musikindustrie gearbeitet. Was war deine erste Begegnung mit Kompakt?

Julienne: Ich entdeckte Kompakt als Teenager und habe das Label seitdem geliebt. Sie haben viele meiner absoluten Lieblingstracks veröffentlicht. Ein paar Jahre später traf ich Michael Mayer – er spielte oft im Fabric-Club, wo ich damals arbeitete. Da spielten jede Woche Künstler aus der ganzen Welt, doch Sets von Michael Mayer waren immer Highlights für mich. Zu dieser Zeit hatte ich auch die Möglichkeit, Leute vom Kompakt-Office zu treffen und mit ihnen zu arbeiten. Das ist ein wahres Dream-Team – leidenschaftliche Musikfans, die lieben, was sie tun. Ein weiterer Aspekt, der das Label so besonders macht.

Unknown hat eine geschlossene Atmosphäre – ein bestimmter Ort, eine ganz bestimmte Zeit. Gab es damals ein besonderes Feeling, das auf eurer Platte zum Ausdruck kommt?

Julienne: Definitiv. Das macht das Album auch interessant – und setzt ihm gleichzeitig Grenzen. Es ist wirklich an die Entstehungszeit und an jenen Ort gebunden, an dem es im Oktober / November 2010 mit den Aufnahmen losging. Wir hatten ein kleines Landhaus in Frankreich gemietet und noch gar nicht beschlossen, ein Album aufzunehmen. Wir hatten Instrumente dabei, ich brachte einen alten Synthesizer mit. Es war einfach schön, dort zu sein, Instrumente in die Hand zu nehmen und Musik aufzunehmen. Diese spezielle Zeit, diese Atmosphäre, fängt die Platte ein. Nur wir zwei am Ende der Welt, ohne Internetverbindung und wirklich abgeschnitten vom Rest der Welt. Einfach alleine – von ein paar Kühen mal abgesehen.

Sascha: Sogar der Handy-Empfang ließ zu wünschen übrig.

Julienne: Wir haben einfach Musik gemacht und guten Wein getrunken.

Wie ist der typische Studio-Prozess von Saschienne? Habt ihr individuelle Ideen, oder entwickelt ihr sie zusammen?

Sascha: Es gibt keine klare Aufgabenverteilung. Wir haben beide Lieblingsinstrumente, die wir in bestimmten Momenten gerne verwenden, doch die ersten Ideen kommen von beiden Seiten. Julienne hatte viel mehr erste Ideen für das Album als ich. Zur Zeit ändert sich das.

Julienne: Ja, da haben wir kein festes Muster. Vielleicht gab es die früher, als wir das Album aufgenommen haben. Sascha war da eher für die Percussion und die Beats zuständig, ich hatte die melodischen Ideen. Damals habe ich eigentlich zum ersten Mal mit Live gearbeitet, es war neu für mich. Das ist das Tolle an dieser Software: Sie ist wirklich intuitiv, man hat sehr schnell den kompletten Überblick. Nach ein paar Monaten fing ich damit an, die Beats und die Bässe zu machen, während Sascha die Melodien entwickelte. Wir treffen keine Entscheidungen bevor wir loslegen.

Wie ist euer Live-Set aufgebaut?

Sascha: Ich starte die Clips und wähle die Szenen aus. Julienne spielt die ganze Zeit den Moog.

Julienne: Nur ich und der Synthesizer. Meine Sounds, die vom Moog kommen, gehen durch den Computer, weil ich Effekte und Plug-ins verwende.

Sascha: So kann Julienne Ableton auch als Mixer nutzen. Jeder Sound hat seinen eigenen Kanal und eigene Effekte.

Julienne: Und ich kann meinen Sound einfach steuern. Sascha spielt die Szene und…

Sascha: Eigentlich haben wir viele Sounds. Manchmal sind 15 Sounds auf meinem Bildschirm – 15 Clips, die laufen. Deswegen kann ich diese Hardware-Sachen nicht verwenden, weil sie normalerweise auf acht Spuren beschränkt sind.

Julienne: Wir haben viele Sound-Layer, deshalb können wir nicht... wir haben wirklich versucht, es so zu vereinfachen wie viele andere Live-Acts, die nur acht Kanäle haben. Aber das klappte nicht. Wenn ich mich zurückerinnere, hat mir das am Anfang zu schaffen gemacht. Ich dachte, „Machen wir irgendwas falsch?“ Alle anderen haben so ein einfaches Set, und unseres sieht so kompliziert aus. Doch das machte das Set auch besonders.

Sascha: Es ist definitiv ein großes Plus, dass Julienne die ganze Zeit live spielt. Sie spielt wirklich live, und wenn man alleine ist, kann man wahrscheinlich nicht beides machen – die Szenen starten und richtig spielen. Es macht schon Sinn, dass ich es mit den Effekten und anderem Kram nicht übertreibe, weil der Moog dadurch im Mittelpunkt steht. Das macht den Live-Aspekt aus.