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Kompakt Fokus: Michael Mayer

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Als Mitbegründer von Kompakt hat Michael Mayer die gesamte Entwicklung miterlebt – vom „Delirium“-Plattenladen in Köln bis zum umfangreichen Unternehmen mit Label, Vertrieb und Booking-Agentur. Kompakt ist eine Institution, die seit mehreren Jahrzehnten großen Einfluss auf die Entwicklung des deutschen Techno nimmt. Michael Mayer, selbst ein renommierter DJ und Musiker, hat als A&R-Manager von Kompakt das Ohr am Geschehen und wählt neue Platten zur Veröffentlichung aus. Für den zweiten Teil unserer „Kompakt Fokus“-Serie sprachen wir mit Michael unter anderem darüber, welchen Stellenwert ein Plattenlabel im Jahr 2013 haben kann, wie man aufgeschlossen gegenüber neuen Sounds bleibt, über die Bedeutung von Mix-CDs und das Durchforsten des reichhaltigen Kompakt-Katalogs.

 

Kompakt gibt es inzwischen seit 20 Jahren. Das Label hat sicherlich seine Identität bewahrt und sich gleichzeitig weiterentwickelt. Wenn du neue Musik hörst – wonach hältst du Ausschau? Was macht Musik zur Kompakt-Musik?

Das ist eine sehr instinktive Sache. Ich könnte dir nach acht Takten sagen, ob ich einen Track mag oder nicht. Mögen oder Nicht-Mögen – dazwischen gibt es eigentlich nichts. So war der A&R-Prozess bei Kompakt schon immer. Früher habe ich alle Demos zusammen mit Wolfgang [Voigt, Kompakt-Mitbegründer] angehört, doch seit sieben oder acht Jahren mache ich das meistens alleine. Der ganze Prozess hat sich über die Jahre sehr verändert. Es ist zwar immer noch dieselbe instinktive Sache, doch ich habe nicht mehr genug Zeit, alle Demo-CDs, die wir erhalten, anzuhören und jedem Online-Link zu folgen. Wir haben eine stattliche Zahl an Künstlern unter Vertrag, die alle zwei Jahre ein Album abliefern oder mich mit Singles bewerfen. Im Grunde brauchen wir keine neuen Künstler. Das Boot ist ziemlich voll und die meisten späteren Kompakt-Signings waren persönliche Kontakte – Leute, die ich irgendwo getroffen habe, mit denen ich jahrelang befreundet war, bis wir dann irgendwann entschieden haben, auch ein Arbeitsverhältnis miteinander einzugehen. Ich möchte, dass Kompakt ein vertrauenswürdiges Plattenlabel ist, weißt du? Es wird von Künstlern geführt, und es gibt die wirtschaftlichen Aspekte. Doch es ist nicht unser oberstes Ziel, mit dem Label soviel Geld wie möglich zu verdienen. Wir führen die Geschäfte mit der Perspektive von Künstlern, und das ist etwas, das für andere Künstler sehr attraktiv ist. Es gibt sehr viel Vertrauen zwischen den Leuten, also zwischen den Künstlern, die bei uns veröffentlichen, und uns.

Welche Musik hörst du in deiner Freizeit?

Ich bin Plattensammler – ich sammle nicht nur Platten, die ich spielen möchte, sondern bin im Grunde jemand, der Musik aufsaugt wie ein Schwamm. Mir macht es Spaß, mich selbst dazu herauszufordern, Musik zu entdecken, von der ich noch nie gehört habe. In letzter Zeit höre sehr viel Weltmusik: Es gibt da dieses tolle Label aus Seattle – Sublime Frequencies. Sie machen Compilations von seltsamer Popmusik aus Sumatra oder psychedelischer Musik der 60er Jahre aus Pakistan. Es ist unglaublich, was die für Sachen ausgraben.

Es ist interessant, dass du das erwähnst. In früheren Interviews hast du gesagt, dass dein letztes Album Mantasy von nicht-westlicher Musik beeinflusst wurde. Das Album scheint eine radikale Veränderung für dich darzustellen.

Ich sehe es nicht als eine radikale Veränderung – mein Techno hatte schon immer alle möglichen Einflüsse. Ich habe Techno nie als eine hermetische Sache verstanden. Für mich war es immer wichtig und auch unterhaltsam zu versuchen, Techno mit Stilen zu verbinden, die nichts damit zu tun haben – ähnlich wie Wolfgang das mit deutscher Volksmusik und anderen Sachen macht. Es macht mehr Spaß, so zu arbeiten. Ich denke nicht, dass man diesen Einfluss deutlich bemerkt, aber wenn ich diese Musik in meiner Freizeit höre, hilft mir das, meinen Horizont zu erweitern. Ich trainiere meine Ohren für andere rhythmische oder harmonische Systeme. Als Kompakts A&R-Manager und als DJ sehe ich es als meine Pflicht an, generell neugierig auf Musik zu sein. Von Zeit zu Zeit übertreibe ich es auch ein wenig. Meine Frau ist manchmal echt wütend auf mich: „Hör auf, mich mit dieser Musik zu foltern – was ist das? Aha, alte Hexen aus der Ural-Region, die ihre Lieder singen. Es ist schön, dass dir das gefällt. Aber bitte malträtiere doch nicht unsere Ohren damit!“

Wenn man die letzten beiden Jahrzehnte betrachtet, hat sich die Musikindustrie drastisch verändert. 1993 waren Plattenlabels noch der einzige Weg, deine Musik unter die Leute zu bringen. Das musste auf einem physischen Medium passieren, da die meisten DJs noch mit Vinyl auflegten. In den letzten Jahrzehnten wurde auf der Kompakt-Webseite ein digitaler Shop eröffnet und wieder geschlossen, und die Platten erscheinen größtenteils auf CD. Wie wird sich der Vertrieb von Musik in Zukunft entwickeln? Denkst du, dass die CD ein Auslaufmodell ist?

Es sieht sicherlich danach aus, dass die CD sehr bald verschwinden wird. Darüber bin ich nicht sehr traurig, weil das Format nie wirklich mochte. Vinyl scheint auf einem gewissen Niveau stabil zu sein – es ist etwas für Freaks, Audiophile und verrückte Sammler – doch Vinyl ist nicht das Format, das die CD wieder ablösen wird. Ja, „times are changing“, wie Dylan gesungen hat, doch ich denke, dass die hauptsächliche Funktion, die ein Label oder Vertrieb haben sollte, das Filtern von Musik ist – aus diesem Ozean von Mist die Sachen herauszufiltern, die wir mögen und die es verdienen, unterstützt zu werden. Trotz all dem technischen Fortschritt hat sich daran nichts geändert. Ich denke, dass es für mich als Musikliebhaber wichtig ist, ein paar Adressen zu haben – Leute oder Firmen, denen ich vertraue. Es spart mir eine Menge Zeit. Musikalischer Geschmack ist etwas, das überleben wird. Es gibt „Tastemaker“ – Leute, die Geschmack entwickeln – und es gibt Leute, die das zu schätzen wissen.

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Man kennt dich sowohl als Produzent als auch als DJ. Deine Mix-Serie Immer wurde viel gelobt. Das ist interessant, weil deine DJ-Mixe technisch gesehen eher zurückhaltend sind – es gibt darin kein Turntablism oder abgefahrene Mixing-Tricks. Stattdessen ist die Musikauswahl wirklich makellos. Wonach suchst du, wenn du so einen Mix zusammenstellst? Und nach was für Musik suchst du für deine live gespielten DJ-Sets?

Das ist eigentlich genau derselbe Prozess wie bei den Demos. Ich kaufe keine 10.000 Tracks pro Woche, sondern bin sehr vorsichtig mit meiner Auswahl. Das Ziel für die Immer-Serie war, etwas zu schaffen, das den Test der Zeit besteht. Wenn du das auf CD brennst, sollte es etwas sein, das du auch in paar Jahren noch hören willst – anders wie ein Podcast, der wie ein Schnappschuss ist. Darüber macht man sich weniger Gedanken als über ein Produkt, das man herstellt und für das man Promotion macht. Das hat einen größeren Wert. Diese relative Zeitlosigkeit setze ich mir immer als Ziel.

Ich nehme mir nie direkt vor, eine neue Mix-CD zu machen, sondern warte eher auf diesen speziellen Moment – meist in einer Club-Situation – der mir plötzlich das Gefühl gibt, dass da ein Ton ist, der den Ton oder die Stimmung für eine weitere Immer-CD vorgeben könnte. Wenn ich diesen Moment erlebt habe, fange ich damit an zu versuchen, diese Stimmung einzufangen. Doch ich fühle keinen Zwang, alle zwei Jahre eine Mix-CD herauszubringen – das will ich nur zum richtigen Zeitpunkt machen. Wahrscheinlich sollte ich aber nicht zu lange warten: Vielleicht sollte ich sehr bald eine weitere Immer-CD veröffentlichen.

Anlässlich Kompakts zwanzigjährigem Jubiläum sind mehrere Compilations erschienen. Wenn du die Labelgeschichte durchgehst – gibt es da Tracks, die du schon länger nicht gehört hast, von denen du dann denkst, „Wow, das ist tatsächlich immer noch zeitlos?“

Ich musste neulich lachen, als ich Kompakt 12, Dettingers „Totentanz“ gehört habe. Das ist ein Dubstep-Track – aus dem Jahr 1999! Wir, oder Dettinger, haben also quasi Dubstep erfunden [lacht]. Das erzähle ich immer in Interviews mit britischen Magazinen, um sie zu ärgern. Das war wirklich eine der Platten, die... sie ist auf eine bestimmte Weise wirklich gealtert, ist aber immer noch weit vorne und sehr futuristisch. Ich bin ständig im Dialog mit meinem Katalog – als DJ gehe ich gerne zurück und hole mir ein paar alte Tracks, um mein Set damit aufzupeppen. Den Großteil des Katalogs kenne ich sehr gut und deshalb gibt es nicht so viele Überraschungen für mich.

Bevor du bei Delirium (dem Kompakt-Vorläufer) gearbeitet hast, warst du dort Kunde. Du hast dort Platten gekauft. Es passte also irgendwie alles zusammen. Was hältst du von dieser Renaissance der Plattenladen-Kultur – z.B. in Form des Record Store Day – bei der es darum geht, die Läden angesichts des digitalen Handels am Leben zu halten? Denkst du, dass ein materieller Laden, in dem es einen richtigen Verkäufer gibt, heute noch von Bedeutung ist?

Das denke ich definitiv. Wir brauchen Plattenläden aus demselben Grund wie wir Labels oder Vertriebe brauchen. Die Verkäufer und Einkäufer im Plattenladen sind Filter: Sie können dich mit Musik zusammenbringen, an die du nie gedacht hättest. Das können nur Plattenläden leisten. Klar, ein Online-Shop kann etwas Ähnliches, doch Plattenläden sind... In den 90er Jahren sagten wir, dass die Plattenläden die Cafés der 90er Jahre darstellen. Sie sind kulturelle Orte – die Menschen treffen sich dort, tauschen Ideen aus. Bis zu einem bestimmten Grad ist das auch heute noch so. Wenn ich in unseren Laden in Köln gehe, treffe ich dort immer Leute: Man hält ein Schwätzchen und trinkt Kaffee zusammen. Das ist ein soziales Ding, ein sozial-kulturelles Ding, das sich nicht digital emulieren lässt.

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Gibt es etwas aus den letzten 20 Jahren, von dem du denkst, dass es dir einen Hinweis darauf gibt, wohin sich Kompakt in den nächsten 20 Jahren bewegen wird?

Kompakt war nie ein Label der schnellen Veränderungen. Wir haben uns für alles, was wir gemacht haben, viel Zeit gelassen und nie zwei Stufen auf einmal genommen. Es war immer ein langsames, organisches Wachstum, und das ist vermutlich auch der Grund, warum es uns noch gibt. Wir sind mit unseren geschäftlichen Unternehmungen sehr vorsichtig, und musikalisch ist Kompakt wie ein Mosaik – wie das große Poster, das hier im Pop-Up Store hängt. Die Musik wächst weiter, es gibt immer Erweiterungen, Variationen der Musik, die wir schon immer veröffentlicht haben, als Neuzugänge in unserem Katalog. Trotzdem kann ich mir Kompakt in zehn Jahren kaum als Major-Rocklabel vorstellen. Ich denke, wir werden immer dieselben bleiben, mehr oder weniger – durch Updates und Variationen dieser Musik, die wir lieben.