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David Rothenberg: Bug Music

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Die Ableton-Community beherbergt eine ganze Reihe unvergleichlicher Musiker. Für David Rothenberg scheint jedoch kaum eine Schublade zu passen: Jazzmusiker? Umweltphilosoph? Akademiker? Autor? Davids Buch 'Bug Music' beleuchtet den Effekt der von Insekten ausgehenden Sounds und Rhythmen auf unsere Musik. Wir haben derweil das Mikrofon auf David gerichtet, um seine Sichtweisen und Erfahrungen für Sie einzufangen.

 

Ich habe schon im Duett mit Nachtigallen, Drosseln, Beluga- und Buckelwalen gespielt, aber mit Insekten musizieren zu wollen, birgt ganz eigene Gefahren. Inmitten einer lärmenden Heerschar von Zikaden – als einzige menschliche Akustikquelle – zwischen Millionen von Tieren, die einen drone-artigen Sound produzieren, der wie ein Synthesizer an- und abschwellt. Ich konnte lediglich versuchen, darin irgendwie zu bestehen:

Hier versuche ich am Springfield-See in Illinois mit abertausenden Singzikaden zu jammen, die tatsächlich nur alle 13 Jahre zum Vorschein kommen. Eine Gelegenheit, die ich auf keinen Fall verpassen durfte. Ich hatte übrigens genauso viele Insekten unter meinem Hemd, wie auf mir drauf. Wir haben ein paar von ihnen mitgenommen, um sie später beim Konzert in Urbana zu einem Teil unserer Band zu machen.

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Ableton Live eignet sich nicht nur prima zum Sampeln natürlicher Sounds und deren Einbringung in den Mix. Man kann es auch wunderbar als Wissenschaftler nutzen, um zum Beispiel Tiergeräusche für das menschliche Gehör verständlicher zu machen, indem man die Geräusche langsamer oder schneller abspielt oder ihren natürlichen Rhythmus schrittweise verdeutlicht. Die Magicicada tredecims etwa, erzeugt für sich allein genommen ein simples „Phaaaroah”. Wenn das jedoch Tausende dieser Gattung gleichzeitig tun, entsteht ein waldfüllender Drone-Sound. Ich habe das mit Ableton nachgestellt. Dazu nahm ich einen einzelnen Gesang per Mikro auf und ließ ihn anschließend durch mehr und mehr Grain-Delays laufen:

Schon Jahrmillionen früher als den Gesang von Walen und Vögeln gab es die Geräusche der Insekten. Diese Geräusche beeinflußten natürlich auch die ersten Menschen, als sie zaghaft begannen, so etwas wie Musik zu machen. Und vielleicht steckt der Einfluss ja immer noch in uns, in unseren Ideen zu Rhythmen und Mustern und in unserer Liebe zu rauschenden Sounds – „No dubstep without bugstep!”.

Betrachten wir nur mal diese kleinen Baumgrillen, die in der Lage sind, sich akustisch vollständig aufeinander einzulassen. In ihren winzigen Gehirnen bewegen sich Neuronen, die nur einer musikalischen Regel folgen: Wenn eine andere Grille in der Nähe ist, passe deinen eigenen Sound dem des Widerparts an. Nach einer Weile zirpt alles synchron und ein ganzer Wald voller Grillen erklingt unisono. Ich habe mit Unterstützung von VJ Manzo einen Patch für Max for Live entwickelt, dem genau diese einfache Idee zugrunde liegt. Probieren Sie es doch einmal aus:

Laden Sie Cricket Sync für Max for Live herunter

Wenn Sie eine Insekten-Spur zu einem gewissen Zeitpunkt bei geöffnetem Patch zurücksetzen, können Sie die verschiedenen Grillengeräusche synchron oder asynchron schalten und den Rhythmus so nachahmen, wie er in der Natur vorkommt.

Ich finde, es liegt etwas sehr Faszinierendes in diesen Rhythmen, die die Natur hervorbringt. Sie formen Wohlklang und dann wieder nicht, sie sind verständlich und dann wieder nicht, sie lassen Musik zu Lärm werden. Aber was ist überhaupt Lärm? Manchmal ist es ein Geräusch, das wir absolut nicht ertragen können, und ein anderes Mal hat es einen klanglichen Effekt auf uns, dem wir uns keinesfalls entziehen wollen. Ich denke, die Liebe zu bestimmten Geräuschen entstammt einer alten Sehnsucht unserer Vorfahren nach den beruhigenden Klangwelten der Insekten. Es gibt überall auf der Welt Musik, die im Verlauf der Geschichte von Insekten-Geräuschen inspiriert wurde.

Der berühmte Gesang des balinesischen Kecak-Tanzdramas funktioniert auf die selbe Weise wie die synchron agierenden Grillen oder der Insect-Sync-Patch für Max for Live:

Die Pygmäen im afrikanischen Regenwald sind bekannt dafür, dass sie ihr Leben lang mit den Insekten, Fröschen und Vögeln in ihrer Umgebung singen und dabei eine nahezu perfekte klangliche Einheit bilden. Darum geht es in dem aktuellen Film Song From the Forest, an dem ich in Berlin mitgearbeitet habe.

Ich spiele mit den Insekten nicht aus Spaß oder der Attraktion wegen. Ich möchte die Musik, wie ich sie begreife, um eine sinnliche Erfahrung erweitern. Durch dieses erste verrückte Erlebnis in Illinois habe ich gelernt, dass es besser ist, nur von ein paar Zikaden umgeben zu sein und die Hunderttausenden, wenn nicht Millionen anderen lieber als Untermalung im Wald zu haben. Dadurch gibt es vielleicht weniger zu sehen, aber die eigentliche Musik ist verständlicher. So war es letzten Sommer in New Paltz, New York, während der Population der 17-Jahres-Zikaden im Hudson Valley:

Man muss sich das mal vorstellen – diese Insekten sind weder zu sehen noch zu hören, bis sie ein einziges Mal in 17 Jahren zu Tausenden auftauchen (eine verwandte Spezies einmal in 13 Jahren). Das an sich ist schon ein großartiges, exakt getimtes Ereignis der Natur. Ein Rhythmus, der so langsam ist, dass nur allein die Zikaden danach tanzen können. Und die ganze Zeit agieren sie im Verborgenen und sammeln ihre Kräfte, nur um für ein paar wenige Wochen zu singen, zu fliegen, sich zu paaren und letztendlich zu sterben.

Als es an der Zeit war, das alles in ein Album fließen zu lassen, mit Live-Aufnahmen vom Feld und einigen Studio-Sachen, war ich längst in einer völlig neuen, von den Insekten inspirierten Tonalität gefangen. Das überraschte mich insofern ein bisschen, als dass ich eigentlich viel mit den aktuellen Trends elektronischer Musik zu tun habe, wie das abschließende Stück meiner CD Bug Music verdeutlicht:

I have been traveling a lot lately through Europe and the U.S. to talk about all these small, six-legged wonderful musicians and to accompany this with performances. I have also written a book on the subject, in which a chapter is devoted to the question of what electronic music has to do with the ending for millions of years singing of insects.

Here you can experience my Norwegian friends of Mungolian jet at a tune in which it lyrically actually comes to glitches and insects.

And here comes Imogen Heap contribution to a compilation CD, which revolves around the biblical plague and is full of insect samples.

A whole playlist of different music, which is inspired by insect sounds or those they are a part, can be found on Spotify .

We live in a time of which John Cage predicted that people would create their music directly from a sound out. That music is one of sounds, of which we would never have expected that they could be so beautiful. We are surrounded by small herumschwirrenden creatures, play with them and come out pure magic. Who knows what creatures inspire us next. I am preparing at the moment before performances with four quadcopter drones. And who will speak ...

 

 

www.davidrothenberg.net

www.bugmusicbook.com

 

David Rothenberg on site:

March 7   Emerge, Phoenix, with live flying drones
22 March  overseas, Berlin