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Brandt Brauer Frick: Gegensätze ziehen sich an

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Foto von massbendslight.com

Brandt Brauer Fricks Konzert am letzten Abend des “Berlin Atonal”-Festivals Ende Juli war ein absolutes Highlight im exzellent besetzten Programm: Beim Auftritt stand das Trio – Keyboard, Elektronik, Schlagzeug – um sieben klassische Musiker erweitert als Ensemble auf der Bühne. Mit seiner clever verfeinerten Instrumentierung und mitreißenden rhythmischen Interaktionen sorgte das Brandt Brauer Frick Ensemble für den krönenden Abschluss von sechs experimentierfreudigen Atonal-Nächten.

Wenn Sie Brandt Brauer Frick noch nicht kennen: Hier das großartige Video einer Probe des Songs “R.W. John”:

Wir trafen Paul Frick und Jan Brauer wenige Tage vor ihrem Atonal-Gig, um über den kreativen Prozess, widersprüchliche Erwartungen und “crispy” Synths zu sprechen.

Eure Musik besetzt einen Raum, in dem mehrere – scheinbar widersprüchliche – ästhetische Standpunkte, Stile und Spielweisen aufeinandertreffen. Dancefloor und Klassik, handgespielte und sequenzierte Musik, akustische Instrumente und synthetische Sounds, E-Musik und Clubkultur: Diese Begriffspaare stellt man sich landläufig als Gegensätze vor. Wie sehr ist euch das bewusst, wenn ihr Musik macht?

Darüber haben wir uns in der Vergangenheit schon viele Gedanken gemacht, denn als wir uns zum ersten Mal trafen, kannten wir unsere jeweiligen musikalischen Hintergründe bereits. Es war unser Ziel, hauptsächlich akustische Instrumente zu verwenden. Irgendwann kam der Punkt, an dem uns klar wurde, dass wir einen konkreten Stil gefunden hatten, und ab da gab es nur noch wenig nachzudenken: Wenn wir jetzt neue Stücke machen – meist beginnt das mit Improvisation – haben wir einfach das Gefühl, dass alles möglich ist.

Uns geht es darum, die große Vielfalt technischer Möglichkeiten zu nutzen: Beispielsweise einen Flügel zu nehmen – dieses über mehrere Jahrhunderte entwickelte, vollendete Instrument – und neue Techniken anzuwenden. Wir finden es einfach sehr inspirierend, wie sich die verschiedenen Arbeitsweisen kombinieren und verweben lassen.

Neulich haben wir ein Stück für unser eigenes Label aufgenommen, da ist eine akustische Hi-Hat dabei. Alles andere sind analoge Synthesizer. Wir hatten nie wirklich vor, eine Band zu sein, die dafür steht, ausschließlich klassische Instrumente zu verwenden. Das war sowieso nie der Fall, denn bei uns kamen stets analoge Synthesizer zum Einsatz. Wir widersprechen gerne dem, für was wir bekannt sind.

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Für uns ist das, was wir mit unserer Musik ausdrücken, viel wichtiger als die dafür verwendeten Mittel. Wir interessieren uns für alles Mögliche und sehen keinen Gegensatz darin, zuhause Techno zu produzieren und abends Klassikkonzerte zu besuchen. All die Dinge, die wir täglich erfahren – beim Ausgehen, im Web surfen oder Konzerte besuchen – sind Einflüsse, die eigendynamisch zusammenfinden. Deshalb kann es eigentlich auch keine bewusste Entscheidung sein, einen Mix aus widersprüchlichen Elementen zu machen.

Heute ist ein Großteil der interessanten Musik eher hybrid, denke ich.

 

In bestimmten musikalischen Projekten ist dieses “hybride” musikalische Element bisweilen mehr an der Oberfläche angesiedelt.

Das ist dann “Crossover”.

 

Crossover und Fusion gelten in manchen Kreisen als Schimpfwörter.

Klar, wir lehnen Bezeichnungen wie “Crossover” und “Fusion” für unsere Musik ab, denn Technik, Wissen und andere kulturelle Errungenschaften können sich auf so vielen verschiedenen Ebenen treffen. Ich denke, dass wir mit Brandt Brauer Frick die Elemente auf einer sehr detaillierten Ebene versammeln – damit sich die Stoffe wirklich austauschen können.

 

Sucht ihr also nach Elementen, die interessante Kontraste ergeben? Oder nach Gemeinsamkeiten zwischen verschiedenen Epochen und Stilen? Bei dieser Frage denke ich vor allem daran, wie eure Musik auf die überlappenden rhythmischen Patterns der Minimal Music der 60er und 70er Jahre zurückgreift – die ja selbst ein Vorläufer der Loop-basierten Natur von Techno war.

Es lag so viel in der Luft für uns, genau wie du sagst: Wir haben die offensichtlichen Gemeinsamkeiten genutzt. Technisch gesehen sind sie da, man muss sie nur verwenden. In vielen Musikstilen gibt es gemeinsame Punkte, die nur darauf warten, verlinkt zu werden. Ich will nicht behaupten, dass wir die Ersten sind, die diese Brücke zwischen Minimal Music und Techno schlagen – das wäre absurd – aber trotzdem: Manchmal nutzen wir auch den Kontrast.

Für unsere letzte Tour haben wir uns einige fantastische Analog-Synthies zugelegt, etwa den Roland Juno 106 und den SH-101. Besonders der Juno hat was, von dem wir einfach nicht genug kriegen: Sein Klang ist sehr “crisp” und bringt oft eine musikalische Ebene oder Elemente ins Spiel, die in unserem typischen Stil eigentlich nicht zuhause sind. Doch wir mögen diesen Kontrast sehr. Das ist ein mächtiger Sound, und wir müssen immer einen Teil davon entfernen. Gerade ist es bei vielen Musikern ja sehr angesagt, den Sound ihrer Synthesizer mit Bassfrequenzen etc. noch größer zu machen. Aber hier müssen wir den Sound wirklich verkleinern.

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Mich würde interessieren, wie ihr eure Musik komponiert, aufnehmt und die Ergebnisse dann gegebenenfalls auf die Performance-Situation übertragt.

Hauptsächlich geht es darum, dass wir uns hier im Studio treffen, etwas Neues anfangen und dann immer versuchen, den Beginn der Session oder unser Vorgehen ein wenig zu variieren. In den meisten Fällen stellt einer von uns eine Idee vor, oder wir machen zuerst eine Schlagzeug-Aufnahme. Manchmal verwenden wir auch alte Beats und spielen dazu, nehmen das Sample dann raus und machen einen neuen Beat für die gerade eingespielte Begleitung.

Aber der Prozess muss nicht zwangsläufig mit den Drums beginnen: Für uns zählt vor allem, dass der Jam kontinuierlich läuft, und es keine großen Unterbrechungen gibt. Natürlich müssen wir zwischendurch schon mal was editieren oder arrangieren, damit am Ende etwas dabei herauskommt. Doch für uns bleibt es ein konstanter Prozess: Das Editieren findet während des Spielens und Aufnehmens statt. Alles passiert zur selben Zeit.

Ganz wichtig für uns ist die Möglichkeit, sehr schnell aufnehmen und beim Aufnehmen weiterspielen zu können – rasch ein Mikrofon aufstellen, mitschneiden und fertig. Jede Aufnahme mit “Bitte Ruhe!” und “Aufnahme läuft!” einzuleiten: Diesen Stil finden wir alt. Er funktioniert nicht für uns.

Wir finden es völlig in Ordnung, dass die Fehler des Prozesses auch Teile davon werden: Wenn du unser letztes Album mit Kopfhörer hörst, wirst du bemerken, dass da manchmal jemand im Hintergrund der Aufnahme spricht oder so. Vielleicht ist das eine etwas romantische Sicht, doch ich denke dann einfach nur, “OK – diese Musik ist gerade direkt aus meinem Leben gekommen”.

Wir sind keine Band, die ihre Stücke zuerst komponiert und sie dann noch aufnehmen muss, ganz im Gegenteil: Wir nehmen unsere Stücke zuerst auf. Dann komponieren wir sie.



Besuchen Sie auf jeden Fall die Webseite von Brandt Brauer Frick: Dort gibt es viele fantastische Sounds und Videos zu entdecken.