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Clint Sand: Interview mit einem Elektronik-Universalisten

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Man findet Clint Sand nie dort, wo man ihn zuletzt getroffen hat: Ständig lotet er die Grenzen zwischen elektronischer Musik, Neuen Medien und Video neu aus und wendet dabei verschiedene Arbeitsweisen und wechselnde Produktionswerkzeuge an. Seine letzte Veröffentlichung ist eine Reise durch dunklen Ambient und lärmige Drones: Sand verbindet hier den Klang analoger Modular-Synthesizer mit selbstentwickelten Max-for-Live-Patches, um einen eigenen Sound zu formen. Wir unterhielten uns mit Sand über Ableton Live, Max for Live und die von ihm initiierte Online-User-Library www.maxforlive.com.


Clint, du hast in vielen Bands und Projekten gespielt. Erzähle uns doch bitte zuerst etwas über dich und dein Schaffen.

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Meine Laufbahn als Elektronik-Musiker begann mit Dancefloor-inspiriertem Industrial unter dem Pseudonym cut.rate.box. Zwischen 1999 und 2003 gab es mehrere erfolgreiche CD-Veröffentlichungen und Tourneen durch die USA und Europa. Danach gründete ich Mono Chrome, um mit Electronica und melodischen Pop-Strukturen zu experimentieren. synnack, mein aktuelles Projekt, verbindet von IDM und experimenteller Musik beeinflusste Tracks mit Videokunst. Es gibt bereits fünf Veröffentlichungen von synnack, und weitere sind in Arbeit.

Seit 2007 arbeite ich mit der Video-Künstlerin Jennifer McClain zusammen, um passende Visuals für die synnack-Liveshow zu entwickeln. 2008 gründeten wir 0xf8 Studios als Plattform für synnack und unsere Multimedia-Kollaboration. Dies hat die Musik von synnack in eine spannende neue Richtung gelenkt.

Welches Equipment nutzt du im Studio? Hat sich die Zusammenstellung über die Jahre geändert?

Früher verwendeten wir hauptsächlich Hardware-Synthies und -Sampler und nutzten den Computer lediglich als Sequenzer. Als sich die Musik-Software dann weiterentwickelte, brauchbare Audio-Unterstützung lieferte und sich in Form erschwinglicher DAWs manifestierte, verschwand die Hardware allmählich aus meinem Studio. Heute ist die Kombination aus analogen Modular-Synthesizern und Ableton Live — einer Software, die es möglich macht, elektronische Musik tatsächlich als kompositorische Methode aufzuführen — für mich das ideale Setup. In meinem derzeitigen Studio finden sich im Grunde nur ein Mac Book Pro, Studiomonitore von Mackie, ein paar USB-Controller und ein Doepfer-A-100p6-Rack voller spaßiger Module.

Als du dich entschieden hast, dein Studio-Equipment zu reduzieren, blieben in Hinsicht auf die Software zwei Werkzeuge übrig: Ableton Live und Max for Live. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

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Jahrelang habe ich mit Software musikalische Ideen entwickelt und in vielen Dateien abgelegt. Als dann die Zeit kam, sie zu stimmigen Songs zu verbinden, musste ich ständig im- und exportieren — ein einziger Alptraum! In Ableton Live kann ich Songs dagegen per Drag-and-Drop zusammenfügen und sie sogar über den Datei-Browser vorhören: Diese Funktion ist damals wie heute wirklich revolutionär. Operator ist eine weitere Komponente, deren Potential oft übersehen wird. Auf den ersten Blick ist Operator ein herkömmlicher, simpler FM-Synth. Wenn man ihn jedoch ausgiebig erforschen will, ist Operators Schlichtheit seine große Stärke. Die dritte Sache, die mich an Ableton Live überzeugte, ist die stabile Audio-Engine: Man kann während der Song-Wiedergabe Effekte einfügen und gleichzeitig ohne Aussetzer aufzeichnen — unglaublich. Einfach großartig!

Früher dachte ich oft, wie toll es doch wäre, wenn man in Max/MSP das Sequencing, den globalen Transport und die Preset-Verwaltung von Ableton Live nutzen könnte. Als Max for Live dann angekündigt wurde, konnte ich es einfach nicht glauben und war hellauf begeistert: Nun war nicht nur all das möglich, sondern es gab auch einen Zugang zu Lives API.

Welche Rolle spielt Max for Live in deiner Musik? Was kannst du mit Max for Live anstellen, das Ableton Lives Möglichkeiten übersteigt?

Auf meinem letzten Album „v2.5“ nutzte ich Max for Live als LFO, um bestimmte Aspekte von Operator, die normalerweise statisch sind, zu modulieren. Ich entwickelte außerdem einen Max-for-Live-Patch, der Clips auf Basis ihrer Wiedergabe-History farblich markiert. Dies führte zu einer neuen Art von Arbeitsweise, die wiederum großen Einfluss auf das musikalische Ergebnis hatte.

Vor kurzem habe ich eine Reihe von Max-for-Live-Patches entwickelt, die Audio analysieren und in Zahlenfolgen übersetzen. Diese werden dann an Jitter-Instanzen gesendet, um visuelle Effekte zu steuern. Mit diesen Patches wollen wir die Produktion von Visuals automatisieren und eine Reihe von Videos zu synnacks „v2.5“-Veröffentlichung kreieren. Die Patches sollen auch zur Programmierung dynamischer Video-Projektionen für die synnack-Liveshow und als Controller für Installationen dienen.

Andere Max-for-Live-Patches, die ich nutze, senden Informationen an Jitter — Rohdaten bezüglich des Frequenzbereichs, BPM-Werte, Status des globalen Transports, Amplitude, Spielzeit seit Start der Wiedergabe und so weiter. Jitter verwertet diese Informationen, um Visuals zu erzeugen, die auf dem basieren, was das Publikum hört. Interessierte Leser finden auf meinem Blog viele Einzelheiten zu den Videoarbeiten, bei denen Max for Live zum Einsatz kam.

Welchen Anteil haben Ableton Live und Max for Live an deiner Arbeit in Kollaborationen? Hast du über den Austausch von Patches neue Partner für eine künstlerische Zusammenarbeit gefunden?

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Als Max for Live angekündigt wurde, machte ich mir gleich Gedanken darüber, wie man die Methodologie der Open-Source-Entwicklung auf Max-for-Live-Patches anwenden könnte. Ich initiierte dann die maxforlive.com-Seite, um Anwendern eine Plattform zu bieten und eine Community des Austauschs und der Zusammenarbeit ins Leben zu rufen. Im Dezember 2010 hatte die Seite bereits 10000 registrierte User und beherbergte hunderte von Patches. Auf diese Weise habe ich viele hervorragende Max-for-Live-Programmierer kennengelernt, die von den Möglichkeiten, die Ableton and Cycling'74 uns geben, begeistert sind. Bei Maxforlive.com geht es nicht nur um Austausch und ums Konsumieren, sondern auch ums Lernen: Wenn ich mir Gedanken darüber mache, wie ich einen bestimmten Patch verwirklichen will, finde ich in der Library der Seite vielleicht etwas Ähnliches und erfahre auf diese Weise, wie jemand anders das Problem betrachtet hat. Dies ist bei der Entwicklung eigener Patches sehr hilfreich.

Du hast dich in letzter Zeit mit modularen Analog-Synthesizern beschäftigt. Diente Max for Live dabei als Schnittstelle?

Bei der Produktion meines letzten Releases verbrachte ich sehr viel Zeit damit, modularen Analog-Synthies interessante Klänge zu entlocken und diese als Clips aufzunehmen. Am Ende hatte ich hunderte von Clips in einem riesigen Live-Set. Um die finalen Stücke zu komponieren, entwickelte ich einen neuen Max-for-Live-Patch, der die Farbe von Clips ändert, sobald diese abgespielt werden. So konnte ich sicherstellen, dass beim Aufnehmen kein Clip zweimal startet. Dann machte ich eine Reihe von Aufnahmesessions, startete die Clips mit einem Akai APC40 und wandte spontane, vom Dub inspirierte Mixing/Effekt-Techniken an. Die Performance fand in den 0xf8 Studios statt. Hier könnt ihr mehr darüber erfahren.

Ich möchte mich bei Ableton für die Unterstützung meiner Arbeit bedanken. Diese Bereitschaft eines Herstellers, seiner Anwender-Community zur Seite zu stehen, findet man wirklich nicht alle Tage.



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